POKEMON
Schild

Game Freak Inc.

(15.11.2019)


Eine der vielen enttäuschenden Veröffentlichungen des Jahres 2018 für die Nintendo Switch war ohne jeden Zweifel das lieblose "Pokemon: Let´s Go, Evoli/Picachu!" von der Wii U Halde, das sich als Remake der 20 Jahre alten gelben Edition entpuppte - mit einer Präsentation, die schon zu PS3 und Xbox 360 Zeiten selbst beinharte Fans kaum zu Jubelstürmen hingerissen hätte.

Doch nur ein Jahr später hat Game Freak mit der vollständigen Neuentwicklung "Pokemon Schild/Schwert" die Gelegenheit der Welt zu zeigen, dass Pokemon jenseits eines falsch verstandenen Retroscharms auch auf dem Fernseher funktionieren kann und mehr als nur ein aufgeblasenes Handyspiel ist. Die Chancen hierfür standen gut, denn durch die letztjährige Veröffentlichung hatte man dem Studio letztlich ein weiteres Entwicklungsjahr verschafft.

Punkt für Punkt

Da es bei "Letís Go" fast nichts gab, was ich nicht bemängeln musste, ergibt sich somit für "Schild/Schwert" eine Liste, die ich nur abzuklappern brauche. Der wichtigste Punkt war für mich nach dem Desaster mit dem Werfen des virtuellen Pokeballs natürlich die Bedienung. Hier hat Game Freak das in meinen Augen einzig Richtige getan und bis auf optionales Umsehen die Bewegungssteuerung komplett aus dem Spiel entfernt. In "Schild/Schwert" lassen sich Pokemon ganz ohne ausgekugelte Schultergelenke einfach nur mit dem richtigen Pokeball fangen und der Pro Controller funktioniert wie gewohnt.

Eine Lösung für den fehlenden zweiten Bildschirm der DS und 3DS Handhelds (und der Wii U) hat Game Freak aber auch dieses Jahr nicht gefunden, obwohl es ihnen immerhin gelungen ist, einige Menüs vom Schlimmsten zu entschlacken. Dabei ist die Lösung für die übersichtliche Steigerung der Charakterwerte auch in der aktuellen Menüstruktur offensichtlich. Anstatt immer nur die Lebenspunkte und das Level einzublenden, müsste sich je nach Art des Bonbons doch nur dynamisch die Anzeige verändern, um mir einen guten Anhaltspunkt zu liefern, wer das Bonbon bekommen soll.

Umgebung jetzt auch in schön

Mal ehrlich - nicht mal ich hatte angenommen, dass "Schild/Schwert" auch nur annähernd so bescheiden aussehen würde wie "Letís Go". Aber das es ganz überwiegend hübsch bzw. immer wieder richtig atmosphärisch sein würde, hat mich dann doch überrascht. Natürlich merkt man dem Startgebiet der hauptsächlich an England erinnernden Galar-Region an, dass es eine Extraportion Aufmerksamkeit erhalten hat und gerade hier der grässliche Baukastenlook ganz bewusst vermieden wurde, aber richtig hässliche Ecken gibt es so gut wie gar nicht.

Das liegt zum großen Teil auch daran, dass Game Freak abgesehen von den Charaktermodellen generell auf deutlich größere Abwechslung gesetzt hat, geschickt mit Höhenstufen bzw. Hügeln spielt und vor allen Dingen klassische Höhlen usw. eher meidet, denn egal wie sehr man sich mit Höhlen auch anstrengt: Eine Höhle in der ich mich gut fortbewegen kann, muss immer gut ausgeleuchtet sein und geometrisch relativ simpel - also am besten gar keine richtige Höhle.

Tschingderassa Bum Bum Bum

Noch mehr geschmerzt als die Augen haben mir jedoch die Ohren letztes Jahr. "Letís Go" hatte wirklich Sachen am Start, da wollte man das Flugticket nach Japan lösen, um den Schuldigen höchstpersönlich zu erwürgen. Und obwohl neben viel neuer Musik dieses transponierende "didd, didd, didd, didd, dididi, dididi, dididi" und auch einige andere Tracks wieder am Start sind, zeigt sich, dass man diese auch so einspielen bzw. arrangieren kann, dass es den Hörer nicht sofort in den Wahnsinn treibt.

Wer jedoch endlich auf Sprachausgabe oder vielleicht wenigstens etwas mehr Pfiff bei den Geräuschen der Pokemon innerhalb und außerhalb der Kämpfe gehofft hatte, sieht sich wie ich auf voller Linie enttäuscht. Was Game Freak in dieser Kategorie abliefert, ist für mich nicht einfach nur konservativ oder der Tradition der Serie geschuldet, es ist im Jahr 2019 eine Frechheit und vor allen Dingen auch ein Ausdruck von Faulheit. Die Marke Pokemon verkauft sich seit zwei Jahrzehnten wie geschnitten Brot, da darf man auch mal ein Bisschen Asche reinvestieren.

Wer nichts wird, wird Trainer

Lange habe ich gerätselt, warum bei Pokemon der Hauptfigur am Ende nichts anderes übrigbleibt, als der nächste Champ aller Pokemontrainer zu werden, aber dann wurde mir klar: Egal was Du bisher auch für ein Versager warst, hauptberuflicher Pokemontrainer kannst Du immer noch werden. Die Viecher kosten praktisch keinen Unterhalt und Du selbst musst weder sportlich oder wenigstens diszipliniert sein. Sammel einfach Massen von den Viechern und halte dies für einen Erfolg.

Zwar gibt es bei "Schild/Schwert" wenigstens den Versuch, parallel zu meinen persönlichen Belanglosigkeiten eine mystische Hintergrundgeschichte zu erzählen, doch dies gelingt nicht wirklich. Obwohl eine Katastrophe sich schon bald zu wiederholen droht, bin ich selbst immer nur kurz und eher zufällig an Nachforschungen beteiligt und muss einer Nebenfigur die eigentlich viel spannendere Aufgabe überlassen, herauszubekommen, was sich in der Vergangenheit wirklich zugetragen hat und wie die Katastrophe damals doch noch abgewendet wurde.

Kauf Dich Buch, hat mir auch gehelft

Wer allerdings dachte, die Benutzerführung in "Letís Go" war für Neueinsteiger schon nicht das Gelbe vom Ei gewesen, der wird sich wundern, dass es in "Schild/Schwert" gleich gar keine gibt. Diesmal kann ich also nicht einmal den Bewohnern der Spielwelt den einen oder anderen wertvollen Tipp entlocken. Mir ist schon sonnenklar, dass die Nintendo Tochter "The Pokemon Company" erstens davon ausgeht, dass über 80 % der Spieler bereits ausreichend Erfahrung mit dem Franchise haben, und zweitens doch bitte nicht nur beide Editionen von "Schild/Schwert" sondern auch beide offiziellen Bücher kaufen sollen.

Nur sehe ich nicht ein, warum ich dieses Geschäftsgebaren bejubeln sollte. Im Gegenteil: Für den fortgesetzten Versuch der dreistesten Abzocke muss es ganz klar die große goldene Arschlochkarte des Jahres 2019 geben. Natürlich kann ich fast alles schon nach ein paar Wochen im Internet nachlesen, aber nicht jeder Tipp im Internet ist richtig und selbst wenn er an sich richtig ist, hat der Tippgeber genau wie auch das offizielle Buch vielleicht ein entscheidendes Detail vergessen - etwa das es den für den Fang von Mimigma notwendigen Nebel erst nach Ende der Story gibt, so dass ich immer noch völlig auf dem Schlauch stand.

Fazit:

"Schild/Schwert" ist ganz klar eine Verbesserung im Vergleich zu "Letís Go" und zeigt eindrucksvoll: Pokemon geht tatsächlich in ausreichend modern und wesentlich schöner. Dabei sollte man aber nicht vergessen, dass "Schild/Schwert" auch zeigt, dass es im Vergleich zu "Letís Go" noch kürzer, noch leichter und noch freier von Rätseln geht, bevor ich dann nach dem Ende des platten Geschichtchens noch die restlichen der insgesamt 400 Pokemon der Galar-Region fangen darf/soll.

Und das - ohne jetzt irgendwem, der das anders sieht, blöd kommen zu wollen - ist für mich einfach kein besonders guter Grund ansonsten sinnbefreit Stunde um Stunde im 1 vs. 1 Pokemon zu verprügeln und anschließend in Bälle zu sperren. Schon gar nicht, weil es so gut wie überhaupt keine Weiterentwicklung gibt, die besser aussieht als die Grundform, also mit zunehmender Spieldauer ein Knuddel nach dem anderen zu einer Ausgeburt der Hölle wird und ich verzweifelt nach den paar hübschen Exemplaren ohne Weiterentwicklung Ausschau halte.

Darüber hinaus erhält Pokemon mit der neuen Naturzone genau das, was es wie über 90 % aller Spiele am allerwenigsten braucht: Einen Open World Abschnitt in der derzeit immer noch vorherrschenden "Hauptsache Zeit schinden"-Ausprägung. Neben den Dyna-Raids, in denen ich mit Hilfe von drei KI Mitstreitern gegen besonders riesige - sog. dynamisierte - Pokemon antrete, wenig ansprechender Leere und massig wilden Pokemon finde ich dort vor allen Dingen Händler mit stündlich bis täglich wechselndem Inventar, so dass ich ja versucht sein könnte, immer mal wieder vorbeizuschauen...

Und ausgerechnet die relativ spaßigen Dyna-Raids sowie die vereinzelten 2 vs. 2 Kämpfe lassen die Standardkämpfe so unglaublich platt wirken, wie sie tatsächlich sind. Hier hat Game Freak in meinen Augen erneut die längst überfällige Modernisierung verpasst, denn erstens wäre dann tatsächlich mal ein Hauch von Strategie bei der Zusammenstellung meiner Gruppe gefragt und zweitens machen nur bei Partykämpfen relativ schwache Fähigkeiten, die aber auf mehrere Gegner bzw. Verbündete wirken, ja einen Furz voll Sinn.



  POSITIV:
  - kindgerecht
  - Steuerung verbessert
  - ansehlich
  - brauchbare Musik


  NEGATIV:
  - dünne Handlung
  - fehlende Erklärungen
  - keine Vertonung
  - zu leicht und zu kurz