FORZA HORIZON 4

Playground Games

(02.10.2018)

auch veröffentlicht für
Windows PCs


Nachdem Bizarre Creations 2009 von Activion Blizzard gekauft wurde und somit "Project Gotham Racing 4" (2007) das letzte Xbox 360 exklusive Spiel seiner Art war, stellte Microsoft die Playground Games aus ehemaligen Mitarbeitern von eben Bizarre Creations, Codemasters, den Slightly Mad Studios u. a. zusammen und veröffentlichte 2012 mit "Forza Horizon" für mich das bis dato beste "Need for Speed"-artige "ich bin jung und das Leben ist schön"-Spiel - und das sogar in einer offenen Spielwelt, nach der es mich eher selten verlangt.

Seitdem wechseln sich jährlich "Forza Horizon" und das eher sachliche "Forza Motorsport" ab. Somit war es dann auch keine Überraschung, dass Microsoft auch 2018 erneut Playground Games mit "Forza Horizon 4" in die Spur schickte, denn der Vorgänger verkaufte sich immerhin vier Millionen mal und damit mehr Einheiten als "Forza Motorsport 6" und "Forza Motorsport 7" zusammen und wurde somit noch vor "Gears of War 4" (2016) und nur geschlagen von "Halo 5: Guardians" (2015) der bisher zweiterfolgreichste Exklusivtitel für die Xbox One.

Zum 2., zum 3. und zum 4.

Schon seit dem zweiten Teil gilt das höher, schneller, weiter Prinzip und so bietet der aktuelle Teil nicht nur wieder ein paar Wagen mehr (450 in der Standardversion) und eine komplett neue, extrem detaillierte Spielumgebung in England mit knapp 20 % mehr Spielfläche als der Vorgänger, sondern es gibt die Spielumgebung diesmal eigentlich viermal, weil sie sich entsprechend den vier Jahreszeiten verändert. Zunächst lerne ich zum Einstieg alle vier Jahreszeiten kennen bzw. wie sich diese auf das Autofahren auswirken, dann geht es in die sog. Shared World hinaus, in der sich die Jahreszeit jeden Donnerstag ändert.

Ich finde, man braucht nicht einmal Autorennspiele besonders zu mögen, um "Horizon 4" zu bescheinigen, dass es derzeit nur wenige Spiele gibt, die ähnlich gut aussehen. Doch das hat seinen Preis: Selbst die Xbox One X muss für 4k bei vollen Details auf 30 FPS runter und an Häuserschluchten gibt es deutliche Popups, wann immer neue Detailstufen nachgeschoben werden - und glaubt man den einschlägigen PC Foren, dann sieht es bis zu einer GeForce GTX 1070 unter Windows genauso aus. Wer empfindlich ist, kann bei ganz schnellen Drehungen sicherlich den Unterschied zwischen 30 und 60 FPS wahrnehmen, aber wer sich so schnell dreht, hat ohnehin schon die Kontrolle über sein Auto verloren...

Wie nicht besonders schwer zu erraten ist, handelt es sich beim Winter um die nicht nur optisch sondern auch spieltechnisch einschnei(d)endste Saison, da die vielen normale Straßenfahrzeuge auf Schnee oder Eis eine Menge Bodenhaftung verlieren. Und wer gerade nicht darauf aus ist, immer und überall herumzurutschen, dem bleibt nur ein glückliches Händchen bei der Streckenwahl (einige Asphaltstrecken haben relativ geringere Beeinträchtigungen), der Wechsel in ein SUV oder ähnlich klobiges (so gar nicht meins) oder eine Woche zu pausieren - was ohne Frage die schlechteste Alternative ist.

Zukünftig bitte nicht stören!

Ich fahre zum nächsten Rennen, da meldet sich #FORZATHON LIVE und möchte mich zu einem Live Event überreden. Nach nichts steht mir weniger der Sinn nach meinen Erlebnissen mit dem "Autotreffen" in "Horizon 2", aber: "Ey, einmal ist kein Mal, wie willst Du Dir sonst eine Meinung bilden?" Und - zack - befinde ich mich mit allen der maximal 72 Spieler, die in meiner Shared World ebenfalls der Einladung gefolgt sind, in einer Gruppe. Aufgabe: Fahre so schnell wie möglich durch eine Radarfalle, alle Geschwindigkeiten werden addiert. Am Ende winken Preise - ach wie überraschend. Der Weg zur Radarfalle ist wie üblich markiert, doch auch in unmittelbarer Nähe, kann ich kaum andere Spieler ausmachen.

Erst als ich schon mit Karacho auf die Radarfalle zufahre, fällt mir auf, dass die anderen Spieler permanent transparent dargestellt werden und wir durcheinander durchfahren können. Wir sollen uns bei der Aufgabe nicht behindern. - WAS?!? Wo liegt denn dann die Schwierigkeit? - Doch es kommt noch besser! Nicht etwa die Höchstgeschwindigkeit wird gezählt, nein, der Zähler erhöht sich mit jeder Durchfahrt. Es bringt also mehr mit 100 km/h hin und her zu fahren als das Auto mühsam mit Höchstgeschwindigkeit auf der Strecke zu halten. - Platter wäre nur noch gewesen, wenn wir alle so schnell wie möglich einen Button hätten drücken müssen. Auf Nimmer Wiedersehen, #FORZATHON LIVE!!!

Laber, fahr, laber, fahr

Während die Geschichte mit dem Festival und den ganzen kleinen Mätzchen wie Schildchen kaputtfahren für Rabatte und klassische Sportwagen in Scheunen finden beim allerersten Mal noch total okay war, wirkte der Ansatz bereits beim zweiten Aufguss ganz schön ausgereizt und wurde dann beim dritten Mal ziemlich nervig, weil ich auf einmal nicht nur der Champ sondern auch noch der Organisator sein musste. Das sahen auch die Macher ein und so bin ich nun wieder etwas näher am zweiten Aufguss, auch wenn ich optional immer noch selbst Routen für die Rennen wählen kann. Inhaltlich gibt es aber nun das zusätzliche Problem, dass sich das Horizon Festival ja anscheinend über mehrere Jahre erstreckt und ich mir - wie alle anderen "Urlauber" auch - diese Auszeit mal eben locker leisten kann.

Hinzukommt, dass sich das Budget des Horizon Festivals aus dem Handel mit Waffen oder Drogen speisen muss, wenn die eher nerdigen Veranstalter mittlerweile jedem dahergelaufenen Autofahrer Bargeldpreise von mehreren Millionen und im Rahmen der Tombola noch einmal Karren im gleichen Wert hinterher werfen können. Angemessene Gegenleistungen verlangt niemand: Fahr hierhin, fahr dorthin, nimm an diesem Rennen teil (wohlgemerkt - von gewinnen ist nicht die Rede) oder drifte in den nächsten drei Minuten zum Zielpunkt und - erm - erziele dabei 75.000 Punkte. Die Vorstellung wie Tag und Nacht mehrere Irre im Schnee sitzen, um meine Punkte zu zählen - zu köstlich.

Strecken, Autos - Klatsch!

An dem wichtigsten Problem hat sich aber auch die vergangenen zwei Jahre wieder keiner bei Playground Games abgearbeitet: Die beliebige Kombination von Strecken ohne Wiedererkennungswert mit irgendwelchen Autos ist weiterhin an der Tagesordnung. Bei praktisch allen Strecken brauche ich fünf Anläufe, um sie wenigstens einigermaßen zu lernen, und verlieren dann doch wieder, weil irgendwer nur für Fahrer wie mich künstlich die Fahrbahn verengt oder ein Element einbaut, das zwingend umschifft werden muss, oder am besten bei den Querfeldeinrennen gleich ein ganzes Haus völlig widersinnig in die Mitte der Fahrbahn platziert. Das ist besonders schön bei Punkt-zu-Punkt-Rennen, weil ich dann fern des Starts nicht gleich noch einmal fahren kann, es sei denn ich breche ab und verzichte auf Geld und Erfahrungspunkte, die natürlich zeitgemäß bei einem so coolen Influencer wie mir Einflusspunkte heißen. Follow me or die!

Bei den unglaubwürdigen Querfeldeinstrecken, bei denen zwischen Asphalt, Sand, Schotter oder jetzt auch vereistem Boden kaum ein Unterschied besteht, aber die Zivilbevölkerung besser die Luftschutzräume aufsucht, bin ich gerade in der von mir bevorzugten Cockpitperspektive wie eh und je ziemlich orientierungslos. Ich halte lediglich nach den riesigen Pfeilen und den Checkpoints Ausschau - und sehe als Bonus praktisch keine Sonne bei aktiviertem Fahrzeugschaden gegen die anscheinend gepanzerten KI Gegner, da ich mit einem zwei Tonnen Ungetüm mehrmals fünf Meter in die Tiefe stürzen muss und mir so unausweichlich mehr und mehr Schäden zuziehe.

So kam es, wie es kommen musste und wie es mir bereits in "Horizon 2" und erst recht "Horizon 3" ergangen war: Außer an einem meiner langjährigen Lieblingsautos, dem 73er Porsche 911 Carrera RS, habe ich an keinem anderen Auto größere individuelle Veränderungen vorgenommen. Weil ich nie das Gefühl hatte, es käme darauf an, mit gelungenen Tuning und Setup ein, zwei Sekunden gut zu machen, sondern lediglich das Glück zu haben, nicht an einer eher unscheinbaren Kante hängen zu bleiben oder genau vor einer langen Gerade in den diesmal zufällig auf der Ideallinie platzierten Gegenverkehr zu knallen.

Fazit:

Wäre "Horizon 4" nicht Teil des Xbox Game Pass gewesen, ich hätte es gar nicht erst gespielt bzw. gekauft, weil mir "Horizon 3" so sehr auf den Docht gegangen ist, dass ich es nach zwei Anläufen und mageren 392 Spielminuten zum Second Hand Händler getragen habe. Zum Glück ist "Horizon 4" besser als sein Vorgänger und unterhält mich schon dreimal länger. Nur leider letztlich immer noch nicht ganz auf dem Niveau des ursprünglichen Spiels auf der Xbox 360, das eben nicht auf Teufel komm raus ausschließlich in Richtung Arcade gehen wollte und sogar eine bessere Schnellreisefunktion hatte.

In meinen Augen fehlt es "Horizon 4" nämlich weiterhin an Strecken und Musik (alles lizenziert) mit eigenem Charakter und den Entwicklern der Mut, die verschiedenen Fahrbahnuntergründe mehr herauszuarbeiten und ein paar echte Herausforderungen einzubauen, die ich nicht wegregulieren kann. Schnell weiß ich nichts zwingendes mehr mit dem Spielgeld anzufangen, denn die meisten Rennen kann ich fahren, ohne mir ein neues Auto leisten zu müssen oder wenigstens zu wollen. Witzigerweise ist das Balancing trotz aller Freiheiten nicht so ganz ausgereift, denn die Karriere stockt - sprich es erscheinen keine neuen Rennen mehr in der von mir bevorzugten Straßenrennserie, obwohl ich die verfügbaren Rennen jetzt schon mehrmals auf dem Treppchen abgeschlossen habe und drei weitere Stufen von 13 nach 16 aufgestiegen bin.



  POSITIV:
  - fast perfekte Grafik
  - viele verschiedene Autos
  - riesige Spielwiese
  - auch mal witzig


  NEGATIV:
  - magere Atmosphäre
  - unglaubwürdig
  - kaum Tiefe
  - wenig wirklich Neues


Die B-Note:

Zu "Horizon 4" gibt es sechs DLCs, die einzeln im Microsoft Store gekauft einen Gesamtpreis von 107 € auf die Waage bringen können. Mein absoluter Favorit (in Bezug auf das Marketing) ist der "Autopass" für 30 € - Zitat: "Erhalte 42 zusätzliche Autos zum Vorteilspreis!" Was Microsoft unter Vorteil versteht, wird einem klar, wenn man entdeckt, dass es im "Best of Bond"-Autopaket sogar nur zehn Wagen für 10 € oder im "Formula-Drift"-Autopaket ähnlich sieben Wagen für 7 € gibt. Letzteres erhält man übrigens gratis, wenn man die digitale Standardversion von "Horizon 4" im Store für 70 € (!!!) erworben hat.

Für 20 € kann ich zum VIP werden (und außerdem ausnahmslos jedem beweisen, dass ich nicht mehr ganz dicht bin) und erhalte "3 exklusive VIP-Forza-Edition-Autos, eine VIP-Krone, VIP-Kosmetikgegenstände, VIP-Emote und VIP-Autohupe, ein gratis Spielerhaus, doppelte Credits-Rennbelohnungen, wöchentliche Superlose und vieles mehr." Und natürlich dürfen zwei Erweiterungen zu je 20 € nicht fehlen. Die erste mit dem Titel "Fortune Island" ist bereits erschienen, installiert sich nicht automatisch nach dem Kauf und hat in etwa Kritiken wie: "Die Map ist sehr klein und man hat sie im Nu durchgespielt [...] der Preis [ist] absolut überzogen, dafür wird einfach viel zu wenig geboten."

Fairerweise soll aber nicht unerwähnt bleiben, dass all diese Add-Ons im sog. "Ultimate-Bundle" für 50 € oder als "Forza Horizon 4 Ultimate Edition" inkl. Grundspiel für 100 € zu haben sind. Macht es das soviel besser? Natürlich nicht! Wer fast so unverschämt viel Geld wie für das Grundspiel haben will, der soll auch fast soviel liefern. Warum soll ich 60 Wagen nachkaufen, wenn ich schon 450 habe? Gut, "Fortune Island" bietet hauptsächlich raue, unberührte Natur und damit optische Abwechslung, aber wenn mir nach ein paar Stunden schon wieder die Rennen ausgehen, habe ich davon auch nicht so wirklich viel.