THRONEBREAKER:
The Witcher Tales

CD Projekt Red

(04.12.2018)

auch veröffentlicht auf
PlayStation 4 und Windows PCs


"Eeeehhhh!!! Krrrr!!!" - Nach ein paar Sekunden dieses infernalischen Krachs wurde ich von "Thronebreaker: The Witcher Tales" zurück aufs Dashboard der Xbox One geworfen. Spiel abgestürzt - auf einer Konsole!!! Nun gut, es waren am Ende nur vier Totalabstürze innerhalb von etwa 45 Stunden, aber es gab unzählige für mich unerklärliche Ruckler auf der Hauptspielfläche und insbesondere in dem Bereich, in dem ich mein Kartendeck zusammenstellte bzw. es zumindest versuchte, lief nicht viel zusammen und der Cursor bewegte sich erratisch oder kam einfach gar nicht aus dem Arsch.

Ich kann also gar nicht anders als "Thronebreaker" - zumindest auf der Xbox One - einen ungewöhnlich schlechten technischen Zustand zu bescheinigen. Und das ist ziemlich schade, weil "Thronebreaker" - soweit darf ich einfach mal wieder bitte gleich mit der Tür ins Haus fallen - in vielerlei Hinsicht kein schlechtes Spiel geworden ist, wenn man ihm verzeihen kann, dass es noch ein Bisschen mehr zusätzliche Aufmerksamkeit erheischen wollte, indem es den völlig irreführenden Namenszusatz "The Witcher Tales" anstatt etwa "The Gwent Card Game" verpasst bekam.

An meinem Thron wird nicht gerüttelt!

Irreführend deshalb, weil Witcher Geralt, den Konsoleros vor allem aus "The Witcher 3: Wild Hunt" kennen, nicht einmal 1 % der Spielzeit überhaupt mit von der Partie ist. Es wirkt geradezu so, dass CD Projekt Red überglücklich war, ihn wegen der "Schlacht um die Jaruga Brücke" zwingend im Spiel haben zu müssen, damit man wenigstens ein bekanntes Gesicht auf Artworks etc. abbilden kann. Hauptfigur ist nämlich Meve, Königin oder besser sehr schnell Ex-Königin von Rivien und Lyrien, von der die meisten Spieler - mich eingeschlossen - nicht viel mehr wissen, als dass sie diejenige war, die Geralt seinen Titel "von Riva" verlieh.

In "Thronebreaker" wird Meve jedenfalls zu Beginn von Nilfgaards zweiten Krieg gegen die nördlichen Königreiche von ihrem eigenen Sohn der Thron unter dem Arsch weggezogen. Ihr Sohn Villem glaubt nämlich nicht daran, dass ein nunmehr besser vorbereitetes, riesiges Imperium ein zweites Mal aufgehalten werden kann, und dass es unter den gegebenen Umständen besser ist, Statthalter eines Vasallenstaates zu sein, als einerseits einen sinnlosen Heldentod zu sterben und andererseits dann gar keine schützende Hand mehr über die eigene Bevölkerung halten zu können.

Fantasie und Realität

Die Parallelen zur europäischen Geschichte - gerade im Werk eines polnischen Autors - sind dann auch nicht besonders schwer zu ziehen, wenn Nilfgaard etwa "Siedlungspolitik" betreibt und dabei ganze Dörfer niederbrennt. Wer im sicheren Glauben an seine eigene militärische wie kulturelle Überlegenheit gegenüber den als rückständig geltenden nördlichen Königreichen lebt, macht sich eben nicht so viele Gedanken über die Genfer Konventionen. Doch keine Panik: Die isometrische Spielansicht von relativ weit oben nimmt viel von der Schwere und Wucht der Thematik. Aus der "über die Schulter" Perspektive eines "The Witcher 3" und mit detaillierter Grafik wäre "Thronebreaker" sicherlich nah am Unerträglichen gewesen und eine Freigabe ab 12 undenkbar.

Aber auch so wird einem schnell klar, dass es etwas ganz anderes ist, als (doch eher) Antiheld Geralt Entscheidungen zu treffen, oder als Anführerin der Rebellen. Denn Meve muss damit rechnen, dass aber auch jede ihrer Entscheidungen den engsten Vertrauten, der eigenen Armee (zukünftige Deserteure), Feinden, Verbündeten und eben potentiellen Verbündeten früher oder später bekannt und von diesen bewertet wird. Ich war jedenfalls froh, wenn ich hin und wieder wenigstens das Gefühl hatte, nicht nur zwischen zwei gleichgroßen Übeln zu wählen - und habe dann auch postwendend mehrmals satt in die Scheiße gegriffen.

Gwent und doch nicht Gwent

Für alle Unbelasteten: Gwent ist ein Kartenspiel, bei dem zwei Kontrahenten abwechselnd Karten vor sich auslegen. Im Kern gilt es zwei von drei Runden zu gewinnen, indem die Punktzahl der eigenen ausgespielten Karten die des Gegners übertrifft. Da nicht besonders viele Karten für die drei Runden zur Verfügung stehen, kommt es in der Regel darauf an, rechtzeitig zu passen - also in der Gestalt, dass der Gegner viel zu viel für seinen Rundensieg investieren musste oder man selbst gerade so die Oberhand behält, ohne sein gesamtes Pulver bereits in der ersten Runde verschossen zu haben. Wer Gwent nur aus "The Witcher 3" kennt, muss sich auf eine ganze Menge Änderungen und jede Menge Spezialfertigkeiten fast jeder einzelnen Karte einstellen.

Ich jedenfalls kann mir immer noch keine abschließende Meinung erlauben, ob all diese Änderungen im Spiel gegen einen Menschen wirklich Sinn machen. In den meist stark asymmetrischen Kämpfe gegen die KI, die nicht selten wie ein Puzzle aufgebaut sind und häufig auch nur über eine anstatt drei Runden gingen, hat das System mit zwei anstatt drei Reihen und auf den ersten Blick vielleicht etwas vielen Sonderregeln sehr gut funktioniert. Ich musste mir allerdings bereits auf der normalen Spielstufe auch hin und wieder die Zeit nehmen, um jede Karte in Ruhe zu studieren, wenn ich verstehen wollte, warum ich gerade so heftig Prügel bezogen hatte.

Und sonst?

Neben dem "Kartenkampf" und eben dem Zusammenstellen des eigenen Decks sowie der Geschichte, die häufig in Multiple Choice Dialogen mündet, an deren Ende etwas repetitiv "zum Angriff" gebrüllt wird, besteht "Thronebreaker" im Wesentlichen aus der Erforschung der Umgebung. Auf den vier relativ großen Karten von Lyrien, Aedirn, Mahakam (verschneit) und Angren (massig Monster im Sumpf) und der kleinen Karte Rivien finde ich Gold, Holz und Rekruten an jeder Ecke, und kann mir mal mehr mal weniger aussuchen, welche Kämpfe ich in welcher Reihenfolge bestreite.

Dieser Teil des Spiels ist es dann auch, den ich für weniger gelungen halte, denn das Sammeln ist anspruchslos und wird mit der Zeit nicht spannender, auch weil ich nie das Gefühl hatte, an Ressourcenknappheit zu leiden. Hinzukommt, dass grafisch in meinen Augen - auch ohne einen Riesenaufwand zu betreiben - doch etwas mehr drin gewesen wäre, während des Kartenspiels ist die Grafik ja schließlich ganz anders. Die Menschen sind in der Hauptansicht im Vergleich zu den Häusern unrealistisch groß, die Gestaltung ist eher symbolisch und mit wenig Animationen oder modernen Effekten versehen und wenn einmal eine Stadt dargestellt wird, dann wiederholen sich die Häuser inkl. ihrer Schäden häufig.

Fazit:

Alles in allem kann ich keine uneingeschränkte Empfehlung - auch nicht für entsprechend geneigte Spieler - aussprechen. "Thronebreaker" hält mit einer gut erzählten Geschichte (und sogar guten deutschen Sprechern) mit bekannten und neuen grausamen Details aus dem Zweiten Nilfgaard Krieg lange Zeit bei der Stange. Vielleicht ist es am Ende fünf bis zehn Stunden zu lang, um mit seiner fast reinen Kartenspielmechanik ohne jede Einbußen zu unterhalten, aber das ist nicht weiter schlimm.

Wesentlich einschneidender ist, dass "Thronebreaker" keinen ganz einheitlichen Grafikstil hat. Die Grafik auf der Oberwelt ist nicht Up-to-Date und im Gegenzug aber auch nicht wenigstens entsprechend stylisch genug, um dies irgendwie auszugleichen. Ebenfalls schade ist, dass das Ressourcensammeln im Wege des Hinlaufens und Aufklaubens am Ende so platt ist, dass ich genauso gut ganz darauf hätte verzichten können. Und vor allen Dingen sind die Bugs - zumindest in der Version für die Xbox One - so häufig, dass sie mich angefangen haben zu nerven.



  POSITIV:
  - erwachsene Handlung
  - gute Sprecher
  - launiges Kartenspiel

  NEGATIV:
  - Spiel stürzt ab
  - viele Ruckler
  - Bugs in der Steuerung
  - Grafik wechselhaft
  - plattes Sammeln