XENOBLADE
CHRONICLES

Monolith Soft

(10.06.2010 / Japan)

(19.08.2011 / Europa)

(06.04.2012 / USA)


Als ich vor ein paar Monaten das erste Mal ein Video von "Xenoblade Chronicles" (XC) sah, musste ich dieses relativ unbekannte, Wii exklusives Spiel unbedingt in meine Finger bekommen. Leider fehlte es zunächst an bezahlbaren Angeboten, dann fehlte mir die nötige Zeit am Stück, um das Spiel endlich vernünftig zu spielen, und dann blieb ich überraschend an "Defender's Quest" (2012) kleben. Als ich endlich anfing, dauerte es jedoch keine fünf Stunden, bis ich vor Wut kochte.

Nicht etwa, weil das Spiel so grauenhaft schlecht war, sondern weil ich mit offenen Mund (ja eigentlich mit Unterkieferbruch) dasaß und es nicht fassen konnte, dass die mit Abstand ungeeigneste Plattform - die Wii mit ihren 88 MB RAM - für ein Spiel mit ausufernden 3D Landschaften gewählt wurde, obwohl Monolith Soft zum Zeitpunkt des Produktionsstarts noch nicht Nintendo exklusiv unterwegs war. Ich wage zu behaupten, dass "XC" z. B. als PS3 Spiel zu den zehn bekanntesten Spielen seiner Generation gehören würde.



OMFG - ist das fett

Ich könnte jetzt anfangen zehn bis 20 Features aufzählen, um "XC" zu beschreiben, aber ich sage einfach mal: "World of Warcraft" (2005). Wer meint, es gibt größere Einflüsse bzw. Vorbilder, bitte sehr, aber wenn die Erweiterung "The Burning Crusade" (2007) ein japanisches Singleplayer Rollenspiel wäre, dann wäre es "XC". Die Geschwindigkeit und Grundmechanik inkl. Aggro(radius) des Kampfsystems ist praktisch identisch. Gleiches gilt leider für die Grafik, wenn man sie damals auf maximale Sichtweite bei ansonsten minimalen Details gestellt hätte.

Große Ähnlichkeiten bestehen außerdem beim Rufsystem für verschiedene Ansiedlungen, wie und in welchem Rhythmus die Landschaftsgestaltung wechselt und der Ausrüstung inkl. Edelsteinsockel. Damit will ich "XC" nicht abwerten - im Gegenteil - es spricht in meinen Augen nichts dagegen sich beim ehemals besten Computerspiel aller Zeiten zu bedienen, wenn man wie "XC" trotzdem die klassischen japanischen Stärken wie originelle Handlung und die Beziehungen zwischen den Partymitgliedern unterbringt.



Warum wir kämpfen

Die Welt in "XC" besteht aus zwei Riesen, die sich vor Urzeiten gegenseitig totgeschlagen haben. Auf dem biologischen Riesen, genannt Bionis, leben allerlei Getier und Humanoide wie die Homs, zu denen unser Hauptcharakter Shulk gehört. Die Homs sind die Unwissenden auf Bionis. Ihr Leben ist im Wesentlichen vom Überlebenskampf ihrer wenigen Kolonien unterhalb des Bauchnabels geprägt, denn sie werden unregelmäßig von einem Gegner angegriffen, den sie nicht verstehen.

Diesen Gegner nennen die Homs Mechon, weil er vom mechanischen Riesen Mechonis stammt. Die Roboterwesen variieren in Größe zwischen Hausschwein und Sprungturm und sind mit konventionellen Waffen nur schwer in Schach zu halten. Bei einem Angriff der Mechons auf Kolonie 9 nach wenigen Spielstunden wird Shulks Freundin Fiora getötet - von einem ungewöhnlichem Mechon mit einem Gesicht. Also ist Schluss mit lustig und Damagedealer Shulk zieht mit seinem besten Freund, Tank Reyn, aus, um den Riesen zu erklimmen und sich zu rächen.



Bis zum Knie verläuft die Sache nach Plan, aber dann erfahren die Jungs, dass Kolonie 6 zum gleichen Zeitpunkt wie die ihre angegriffen und dort praktisch alles dem Erdboden gleichgemacht wurde. Zu den wenigen Überlebenden gehört Heilerin Sharla, die sich den beiden anschließt, um durch die alten Minenschächte in Kolonie 6 einzudringen, in der Hoffnung ihren Geliebten und andere Überlebende zu befreien. Aber stattdessen finden sie einen Mechon, der ebenfalls ein Gesicht hat und keinen Hehl daraus macht, dass er Geschmack an Menschenfleisch gefunden hat, denn er spricht...

Im Reich des Classic Controller Pro

Da "XC" anders als der Großteil der Wii Software kein Powackelspiel ist, bedient es sich mit der Kombination aus Wii Remote und Nunchuk Controller nur mäßig und wurde daher nicht rein zufällig als Bundle mit dem Classic Controller Pro verkauft. Leider bezieht sich die ansonsten gute, knapp 30seitige Anleitung fast ausschließlich auf die Remotesteuerung, so dass ich immer wieder umdenken musste. Ist diese Hürde aber erst einmal genommen, geht das Spiel gut von der Hand. Wenn die übrige Hardware nicht wäre...



Da die Wii, wie bereits erwähnt, über kein nennenswertes RAM verfügt und genialerweise die internen 512 MB Flashspeicher von Spielen für nichts außer Savegames genutzt werden können, muss absolut alles einzeln direkt von der Wii Optical Disc geladen werden, also auch jedes noch so kleine Bitmap im Menühintergrund. Noch schlimmer ist aber, dass die Wii in größeren Kämpfen es nicht einmal immer gebacken bekommt, das Menü für die Spezialfähigkeiten von Shulk verzögerungsfrei bzw. ohne Inputlag anzuzeigen.

Charaktersystem vom Feinsten

Während Shulk vermutlich aus Balancegründen nicht sehr stark individualisiert werden kann, verfügen die anderen sechs Mitglieder meiner Truppe über etwa doppelt so viele Fähigkeiten, wie ich gleichzeitig ausbauen und überhaupt einsetzen kann. Es ist zwar manchmal etwas ärgerlich, wenn man merkt, dass gerade jetzt diese oder jene Fähigkeit, die man vernachlässigt hat, einen Bosskampf einfacher gestaltet hätte, aber es liegt eben auch ein besonderer Reiz darin, wenn man nicht mit der Supertruppe unterwegs ist.



Neben den aktiven Arts und ebenfalls relativ üblichen passiven Skills verfügt "XC" über ein sog. Skill Link System. Kämpfen etwa Shulk und Reyn öfter zusammen, so entwickeln sie eine mit Punkten und Slots bewertete Affinität zueinander, die es ihnen erlaubt mehr und mehr passive Fähigkeiten des anderen zu übernehmen. Je individueller die Fähigkeiten sind, desto mehr Punkte verschlingen diese auch und es wird manchmal etwas unübersichtlich, aber der tiefere Einstieg in dieses System lohnt sich.

Beispiel: Reyn ist in meinen Augen für viele Situationen der beste Tank, aber Dunban hat auch seinen Reiz. Wenn man noch nicht die Möglichkeit hat, Dunban effektiv ausweichen zu lassen, sollte er wenigstens etwas mehr Leben haben und besser auch den maximalen Rüstschutz bekommen. Dunban kann aber keine schwere Rüstungen tragen. Reyn schon. In seinem Skilltree "Enthusiasm" befindet sich als erste Fähigkeit "Heavy Equipment", die zieht sich Dunban für 30 Punkte. Außerdem nimmt er für 6 Punkte noch die erste Fähigkeit "Bodybuilder" aus dem "Dilligence" Tree und erhöht somit seine HP um 5 %.



Viel mehr Spiel geht nicht!

Auch sonst zeigt "XC" wenig bis keine Schwächen. Die Landschaften laden trotz der veralteten Grafik oftmals zum Erkunden ein. Die meist gute Musik passt sich dynamisch an und es gibt glücklicherweise nicht nur eine einzige Musik für den Kampf wie etwa bei "Tales of Xillia" (2013). Die etwa 65stündige Mainquest ist vollständig mit guten Sprechern vertont, um dem Spiel alle Geheimnisse zu entreißen, braucht es aber sicherlich weit über 100 Stunden.

Was "XC" allerdings nicht will, ist alles verraten. Zwar sind die Nebenquests bzw. die Questgeber anders als bei vielen japanischen Spielen gut zu finden, welche enorme Tragweite etwa das mit den Nebenquests verbundene Rufsystem innerhalb der Siedlungen hat, überrascht dann doch etwas. Man muss schon sehr viel Zeit investieren, denn es braucht teils eines sehr guten Rufs, um die entscheidenen Quests freizuschalten, aber plötzlich hat man nicht mehr drei Skilltrees sondern vier. Und weil's so schön war mit etwas Glück sogar irgendwann fünf.



Fazit:
"Xenoblade Chronicles" darf sich eigentlich mit den ganz Großen wie "Ni no Kuni" (2013), "Dragon Age: Origins" (2009) und "The Witcher" (2007) auf eine Stufe stellen. Es braucht nicht allzu viel Mathematik, um sich auszurechnen, dass "XC" auf einer anderen Konsole oder dem PC zu den besten Spielen aller Zeiten gehören würde. Bei den geringen Stückzahlen, die von "XC" verkauft wurden, machte die Exklusivität am Ende mal gar keinen Sinn. Entsprechend fasse ich mir dann auch an den Kopf, dass Nintendo das Spiel in Europa in abgespeckter Qualität 2015 für seinen neuen 3DS mit stärkerer Hardware veröffentlichen will. Die Besitzer des alten 3DS und 2DS fühlen sich gar nicht in den Arsch gefickt.

Trotz Nintendos seltsamen Geschäftsgebaren hängen meine Hoffnungen am Nachfolger "Xenoblade Chronicles X" für die Wii U mit ihrer nicht mehr ganz so asbach uralten Hardware. Dank dem relativen Erfolg von "Mario Kart 8" (2014) können sich die Japaner nächstes Jahr hoffentlich dazu durchringen, "Xenoblade Chronicles X" ebenfalls weltweit am gleichen Tag zu veröffentlichen und nicht wieder 14 Monaten in die Luft zu gucken.


Steuerung (15%):
Grafik (15%):
Balance (15%):
Handlung (15%):
Sound (10%):
Zugänglichkeit (10%):
Komplexität (10%):
Spieldauer (10%):