DRAGON
QUEST IX:
Hüter des Himmels

Level-5 &
Square Enix

(23.07.2010)


Da Nintendo ganz anders als Sony und Microsoft grundsätzlich eine vernünftige Abwärtskompatibilität in seine Konsolen einbaut (in der Vergangenheit durch extrem schleichende Hardwareentwicklung bei Nintendo auch leichter), kann ich auf meinem 2DS auch alle DS Spiele spielen. Und da Level-5, bevor sie das göttliche "Ni no Kuni" 2010 für den DS in Japan raushauten, "Dragon Quest IX: Hüter des Himmels" gemacht haben und es sich dabei um das angeblich meistverkaufte DS Spiel in Japan handeln soll, hatte ich eigentlich gar keine Wahl mehr, welches DS Spiel in den Modulschacht wandert.

Das wichtigste japanische Videospielemagazin Famitsu hat "Dragon Quest IX" eine Fabelwertung von 40 von 40 Punkten gegeben, eine Wertung die zuvor nur neun Mal vergeben wurde, und auch der 87er Metacritic Wert lässt aufhorchen - Erwartungen waren also zur Genüge geschürrt - und los geht's:



Erlebe Abenteuer allein oder mit Freunden! (Cover)

In "Dragon Quest IX" hat sich das Spielprinzip gegenüber den Vorgängern leicht verändert: Die Kämpfe werden zwar weiterhin rundenbasiert austragen, jedoch sind die Monster auf der Weltkarte und in den Dungeons zuvor sichtbar, so dass Monster gezielt gejagt oder ihnen auch ausgewichen werden kann. In Städten kann man seine Manschaft weiterhin heilen und Ausrüstung kaufen, speichern kann man aber nun überall außerhalb eines Kampfes.

Wirklich neu für die Serie ist die Konzeption von "Dragon Quest IX" als Single- und Multiplayerspiel in einem. Das Spiel kann praktisch komplett im Multiplayermodus mit bis zu drei Freunden gespielt werden, auch wenn der Storyfortschritt lediglich im Savegame des Hosts vermerkt wird (also immer den gleichen Spieler hosten lassen). Viel blöder ist jedoch, dass das Savegame so groß ist, dass nur ein einziger Spielstand auf das DS Modul passt. Einen zweiten Charakter anzulegen bzw. einen Freund mal zwischendurch Probe spielen zu lassen, ist also unmöglich. Wie bescheuert ist das bitte?



Da ich das Kampfsystem für wenig (um nicht zu sagen gar nicht) multiplayertauglich halte, bringt diese Doppelausrichtung nur unschöne Begleiterscheinung mit sich. Meine Hauptfigur ist völlig auswechselbar, meine Partymitgliedern unterhalten sich nicht untereinander oder mit mir und ich stehe generell in Unterhaltungen immer stumm rum, wobei das Spiel ohnehin keine vertonten Dialoge bietet. Die an sich gute und oft richtig emotional erzählte Geschichte entfaltet dadurch viel weniger Potential als möglich gewesen wäre.

3D Grafik in 256 x 192 x 18 - kann das funktionieren?

Während alle anderen "Dragon Quest" Titel auf dem DS 2D Bitmap Grafik haben, verfügt "Dragon Quest IX" über eine 3D Engine. Mit 18 Bit Farbtiefe sind genügend Farben (262.144) möglich, aber 256 x 192 Pixel sind weniger, als etwa die 320 x 256, die der Commodore Amiga 500 bereits 1987 auf der Pfanne hatte. Doch Entwarnung an dieser Stelle, denn der 3D Chip des DS unterstützt zum Glück texture mapping und einige andere relativ moderne Tricks, so dass die Grafik mich abgesehen von der geringen Auflösung eher an seelige Voodoo 1 Zeiten zehn Jahre später erinnerte.



Da jeder Käufer die gleiche Hardware hat, ist "Dragon Quest IX" wesentlich optimierter als PC Spiele vor über 15 Jahren und läuft zu jeder Zeit butterweich. Außerdem hat es Level-5 verstanden, einen an die Bitmapvorgänger angelehnten Grafikstil zu wählen, der zu den technischen Möglichkeiten passt. Insbesondere die Überlandkarte macht einen wesentlich besseren Eindruck als den peinlichen Schiss, den ich letzten Monat im 3DS Spiel "Tales of the Abyss" (2011) vor Augen hatte.

Jede Menge Möglichkeiten

"Dragon Quest IX" hat nicht zufällig eine meist gut geschriebene Anleitung mit über 50 Seiten, denn es fährt richtig auf. So stehen etwa zum Spielstart sechs Charakterklassen, zwischen denen später relativ frei gewechselt werden kann, mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten zur Wahl und weitere sechs können innerhalb des Spiels freigeschaltet werden (wer suchet, der findet). Etwa 1.000 Gegenstände wie Rüstungen und Waffen, aber auch Rohstoffe, um seine Ausrüstung selbst herzustellen, gibt es zu entdecken. Lustigerweise wird ausgerechnet der Alchemiekessel (Leopott) mit keinem Wort in der Anleitung erwähnt.



Anders als bei den meisten japanischen Rollenspielen stehen nicht nur vier sondern gleich acht Ausrüstungsplätze pro Charakter zur Verfügung, was in Verbindung mit den Talentsteigerungen eine große Spielwiese bietet, denn neben den typischen Lebens- und Magiepunkten, kommen noch Werte für Stärke, Flinkheit, Ausdauer, Geschick, Charme, magische Medizin, magische Macht, Angriff, Abwehr und Stil hinzu, wobei Stil witzigerweise tatsächlich eine Wertung dafür ist, ob meine Klamotten gut zusammenpassen, was Monster dann schon mal verwirren kann - ah ja!

Und wieder von vorn!

"Dragon Quest IX" hat nur leider ein echtes Problem: Es läuft schon nach wenigen Stunden von ganz seltenen Unterbrechungen einmal abgesehen, wie auf Schienen und immer nach Schema F ab. Jedes Gebiet hat eine Hauptquest bzw. Geschichte, die sich mir beim Betreten der jeweils einzigen Stadt im jeweiligen Gebiet sofort aufdrängt. Die Lösung der Quest besteht am Ende immer darin, einen besonders starken Bossgegner zu besiegen, der sich in neun von zehn Fällen am Ende eines Dungeons befindet, dessen Eingang ich zuvor finden muss.



"Moment mal", werden jetzt einige sagen, dass ist ja nun in vielen anderen Spielen wie z. B. "Dragon Age: Origins" (2010) auch nicht viel anders. Oberflächlich betrachtet ja, aber man muss es wohl selbst erlebt haben. Zwischen Spielstunde fünf und 50 ist praktisch immer die gleiche Menge an Dialog, die gleiche Menge an Trashmobs und die gleiche Menge an Dungeon, die zwischen mir und dem Sieg steht. Da muss jemand echt den Zollstock bemüht haben - und das nervt mit der Zeit echt gewaltig, denn Spannung und Abwechslung ist etwas gänzlich anderes.

Dieser eine ganz blöde Patzer verdrängt fast völlig, dass das Spiel ansonsten kaum etwas falsch macht, ja dass "Dragon Quest IX" sogar vom Schwierigkeitsgrad her wirklich gut ausbalanciert ist, also auch Kämpfe gegen Standardmonster ganz anders als etwa in "Tales of Xillia" (2013) schon mal tödlich enden können, wenn man sich blöd anstellt ("Die paar Skelette schaffe ich auch, ohne Magiepunkte zu verschwenden...").



Fazit:
Wer sich nicht daran stört, dass das Spiel sich etwa alle fünf Stunden wiederholt, bekommt ein umfangreiches Oldschoolabenteuer geboten, dass auch mal solche Klopper wie eine Höhle voller Schilder mit Warnhinweisen wie: "Gefährliche Gesamtsituation am Ende des Neigungsbereiches" oder ein Fischerdorf, in dem alle gerade noch so verständliches Plattdeutsch reden, auffährt (nicht wundern - um endlich mal scharfe Screenshots zu bekommen, habe ich diesmal eine Emulation verwendet, die ich Depp nicht auf deutsch umgestellt bekommen habe).

Woher die Fabelwertungen kommen, erschließt sich mir jedoch beim besten Willen nicht. Selbst wenn ich die Grafikwertung herausrechne, erreicht "Dragon Quest IX" keine 80er Wertung.


Steuerung (15%):
Grafik (15%):
Balance (15%):
Handlung (15%):
Sound (10%):
Zugänglichkeit (10%):
Komplexität (10%):
Spieldauer (10%):