TALES OF GRACES F

Namco Tales Studio

(31.08.2012)


Da der zweite Teil von "Tales of Xillia" (2013) in unseren Breitengeraden noch nicht erschienen ist und vielleicht nie erscheint (jammer, schnüff), ich aber gerne noch mehr von der "Tales" Serie gesehen hätte, lag es (zumindest für mich verdammt) nahe zur letztjährigen Veröffentlichung "Tales of Graces f" zu greifen.

Natürlich hatte ich mich bereits ein Bisschen mit "Tales of Graces f" im Rahmen der "Tales of Xillia" Kritik beschäftigt, war dann aber doch von der Anzahl der Unterschiede überrascht. Dass etwa der Grafikstil ein anderer sein würde, wusste ich, aber nicht, dass in einer komplett anderen Perspektive während Erkundungen gespielt wird, die dazu noch ziemlich stark an "Final Fantasy X" (2001) erinnert. Wie auch immer: Der optische Gesamteindruck gefällt mir, ist er doch stimmiger und damit eine ganze Ecke besser, wird jedoch durch die seltenen Zeichentricksequenzen, in denen die Figuren anders aussehen, und vor allen Dingen durch die leider häufigeren, teils grauenhaft öden und viel zu großen Innenlevel ganz schön unnötig nach unten gezogen.



Hier sollt Ihr sogar sieben Freunde sein!

Um es kurz zu machen: Auch "Tales of Graces f" lässt bei den Charakteren leider ein Stück mehr vom Kuchen liegen, als einem lieb sein kann, wenn man eine große Kaffeetafel schätzt. Obwohl so viele gute Ansätze vorhanden sind, hat das Spiel für mich eigentlich nur eine wirklich überzeugende Figur im Gepäck - und das ist leider nicht die männliche Hauptfigur Asbel Lhant, die von einem Beschützerinstinkt zum nächsten gequält wird (und mich ebenso damit zuweilen quälte), sondern seine überemotionale Freundin Cheria, die so etwa mit sechs Jahren in ihrem stillen Kämmerlein beschlossen haben muss, dass Asbel sie doch gefälligst lieben und heiraten sollte.

Generell hätten die Storyschreiber sich selbst und mir einen Riesengefallen getan, wenn alle Charaktere mindestens fünf Jahre älter gewesen wären. Denn die im zwar wichtigen aber etwas überlangen Prolog Zehn- und Elfjährigen sind selbst nach einem Zeitsprung von sieben Jahren gerade einmal bestenfalls volljährig und damit in ihren verschiedenen Funktionen wie z. B. Befehlshaber über das halbe Heer eines Landes in etwa so glaubwürdig wie ein Lawinenhund ohne ein einziges Bein. Aber in dieser Hinsicht scheinen mir alle JRPG Charakterdesigner wie vernagelt zu sein, also was soll's.



Der Plot an sich bewegt sich gleich zu Anfang auf ziemlich globaler Ebene und hat durchaus seine größeren Momente, kann nur leider im mittleren Drittel mit weniger Überraschungen aufwarten, als es in meinen Augen gebraucht hätte, um eine ordentliche Karotte auszuwerfen. Es wurde mir daher bewusst, dass ich mich jetzt in der Phase befand, in der ich ganz klassisch mal unter diesem, mal unter jenem Vorwand die verschiedenen Regionen (warmgemäßigte Zone, trockene Subtropen, subpolare Zone) aufsuchen würde, ohne dabei im Endeffekt jemals etwas erreichen zu können.

"Hau ihm ab der Schnauze!" (Quasar)

Das aktive Pausieren bremste das Kampfsystem weniger aus, als ich es angenommen hatte, so dass ich auch in "Tales of Graces f" eine ziemliche Kelle schwingen konnte. Auf der einen Seite war ich sehr froh, dass der Schwierigkeitsgrad wesentlich knackiger als in "Tales of Xillia" vor einem Monat ausgefallen war und auch die Bosskämpfe zahlreicher und abwechslungsreicher waren. Auf der anderen Seite war ich ein Bisschen gelangweilt, weil es sich in meinen Augen selten anbot die Kontrolle im Kampf über einen anderen Charakter als Asbel zu übernehmen, da die Nachteile in der Defensive der anderen nicht durch eine entsprechend starke Offensive aufgewogen wurden.



Nicht schlecht gestaunt habe ich, dass sich neben den typischen Auswirkungen von Waffen und Rüstung die Charakterwerte sowie Anzahl und Stärke von Spezialangriffen zum ganz überwiegendem Teil aus einem völlig unübersichtlichem Sammelsurium von Titeln speisen (siehe Screenshot). Asbel etwa kann bis zu 157 Titel freischalten, die jeweils aus fünf Stufen, die permanente Boni bringen, und dem Meistertitel bestehen. S(kill)P(oints) sammel ich für die jeweiligen Stufen immer nur für den Titel, den ich gerade ausgewählt habe. Den Schadensbonus von 3 % (letzte Angabe im Screenshot) erhalte ich ebenfalls nur, wenn ich den Titel ausgewählt habe. Erreiche ich die Meisterstufe würde sich der Schadensbonus beträchtlich erhöhen.

Weil das allein aber noch nicht kompliziert genug ist, enthalten jeweils vier Titel die gleiche Fähigkeit (im Screenshot etwa den magischen Angriff "Demon Fang"). Erwerbe ich die Fähigkeit mehrmals, wird diese stärker. Doof nur, dass ich wenig bis gar keinen Einfluss darauf habe, wann ich welche Titel erhalte, und doof auch, dass damit eine gezielte Charakterentwicklung praktisch unmöglich wird. Ich war z. B. der Meinung, dass Cheria unbedingt ein paar mehr Hitpoints haben sollte, weil sie in Bosskämpfen zu schnell umkippte, aber leider befand sich lange Zeit nur ein einziger Titel unter meinen Titeln mit dem ich die Hitpoints von 1500 auf 1520 erhöhen konnte... nun ja...



Nach dem Ende

Wie auch bei "Tales of Xillia" hat sich das Namco Tales Studio viele Extras wie doppelte XP und veränderte Itemdropraten bei "Tales of Graces f" für einen zweiten, dritten, vierten Durchlauf aufgehoben. Ganz ehrlich, ich verstehe den Ansatz nicht die Bohne. In "Tales of Xillia" hatte ich wenigstens die Wahl, ob ich Jude oder Milla spielen will, aber hier erlebe ich doch die exakt gleiche Geschichte und verdresche doch letztlich auch mit ein paar Level mehr auf die immer gleiche, wenn auch sehr gut gemachte Art und Weise die Gegner.

Noch schräger ist jedoch, dass sich nach dem Ende (oder was man dafür hält) des Spiels im Hauptmenü unter Extras ein weiteres Kapitel befindet, dass direkt an das Hauptspiel anschließt, sich in der deutschen Version "Familie & Vermächtnisse" nennt und den besten Handlungsbrocken bietet. Mal eben mindestens fünf Stunden weitere Spielzeit warten hier auf einen - und an keiner verschissenen Stelle im Spiel oder Handbuch wird deutlich darauf hingewiesen. Fuck, wie krank muss man sein?!? Wenn ich nicht zufällig noch ein paar Sachen wegen verschiedener Titel hätte nachgucken wollen, wäre mir der Menüpunkt nicht aufgefallen.



Such, Waldi, such!

Bis hierher bin ich ja gern noch bereit meiner eigenen Blödheit und Erwartungshaltung so einiges zuzuschreiben, aber von den angeblich 83 Sidequests im Spiel, habe ich vielleicht 20 bemerkt. Der Rest versteckt sich in irgendwelchen Ecken, die ich nicht im Traum (zu diesem Zeitpunkt) aufsuchen würde. Etwa während des überlangen Prologs auch noch mein Heimatdorf wie ein Beknackter abzusuchen, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Der detektive Eifer passt schon deshalb in meinen Augen nicht zur Spielwelt, da ich mangels Minimap und dank seltsamer Perspektive einen denkbar schlechten Überblick habe.

Der Tiefpunkt des Spiels sind jedoch verschiedene Schalter- und Schieberätsel, die vor allen Dingen im letzten Drittel des Spiels zu gehäuft vorkommen, sich ausschließlich in den hässlichsten Arealen befinden und wohl nur einen Zweck haben: Spielzeit zu schinden. Keines der Rätsel zeichnet sich dadurch aus, dass es Hirnschmalz erfordert, sondern einfach nur dadurch, dass es im schlimmsten Fall über mehrere Etagen oder Räume verteilt total unübersichtlich ist und teils minutenlange, absolute Nullskill Laufarbeit erfordert.



Klappe: Japanische Altlasten, die 2.

Es ist so, dass ich nicht weiß, ob ich nun lachen oder weinen soll, aber ich bin versucht eine Wette abzuschließen, dass mich jedes "Tales" Spiel beim Start mit einem schlechten Zeichentrickclip und einem Aerobic Bumsrock Song begrüßen würde, nur um danach in ein wunderbar ruhiges Panorama mit ebenso wunderbar ruhiger Musik überzugehen. Ich habe hier bereits "Tales of Vesperia" (2009) für die Xbox 360 liegen, also werde ich es ein Stück weit vieleicht schon im nächsten Monat herausfinden, hehe.

Davon ab ist die musikalische Untermalung überwiegend gut - es gibt da nur einen absolut grässlichen Titel mit Bacardi Feeling meets Computerhackbrett Ansatz - allerdings hätten es insgesamt ruhig ein paar mehr unterschiedliche Tracks sein dürfen. Und auch wenn die Sprecher klischeehafter kaum besetzt sein könnten, geht das Voiceacting in Ordnung. Total abschreiben kann man hingegen wieder alles, was eine Stadt sein soll. Also wenn es in echten japanischen Städten auch nur zwei Marktstände und eine Herberge gibt, fahr ich nie nach Japan.



Fazit:
Hätte sich Namco bei "Tales of Graces f" mit den Schalterrätseln nicht so furchtbar verzettelt, nicht mit hässlichen, sinnfreien Bauten mein Auge beleidigt, etwas mehr Schwung in der Handlung gehabt und größere Teile des Spielsystem zugänglicher gestaltet, wären auch 80 % dringewesen. Gerade die Kämpfe sind fast über die gesamte Spielzeit packend, weil der Schwierigkeitsgrad immer fordernd bleibt, weil ich immer möglichst ein Auge auf alle Teammitglieder haben muss, sonst gibt's Backen.

Insgesamt muss ich also sagen, dass man das Spiel zwar ohne wenn und aber spielen kann, aber ich nicht wie für "Tales of Xillia" eine echte Empfehlung aussprechen würde. Vermutlich brauche ich eine Woche Pause und ein gänzlich anderes Spiel, aber vielleicht steht mir auch schon in wenigen Tagen der Sinn nach "Tales of Vesperia", wer weiß...


Steuerung (15%):
Grafik (15%):
Balance (15%):
Handlung (15%):
Sound (10%):
Zugänglichkeit (10%):
Komplexität (10%):
Spieldauer (10%):