THE LAST OF US

Naughty Dog

(14.06.2013)


"Von den Machern von UNCHARTED" steht gut lesbar auf dem Cover von "The Last of Us". Zwar hat mir der Megaseller "Uncharted 2: Among Thieves" (2009) gleich mal so "gut" gefallen, dass ich ihn nach zwei Stunden wieder von der Festplatte der PS3 geputzt habe, aber bezüglich des technisch Machbaren geht der seit 1996 Sony exklusive Entwickler Naughty Dog tatsächlich spätestens seitdem als Gütesiegel durch.

Und trotzdem hat es mich verwundert, dass in "The Last of Us" abgesehen von dem gelegentlich wahrnehmbaren, aber wohl unvermeidlichen Kantenflimmern einer 720p Auflösung aber auch mal rein gar nichts daran erinnert, dass ich hier auf einer 2006er Konsole mit lediglich 256 MB VRAM und einer Grafikleistung irgendwo zwischen den PC Grafikkarten GeForce 7600 GT und 7800 GT spiele. Was Naughty Dog also zum Ausgleich aus der schwer zu programmierenden Cell CPU und der restlichen Architektur herausholt haben muss, ist schlichtweg fantastisch - nur leider konnte ich kein gutes Bildmaterial von echten Spielszenen auftreiben.



Der beste Spieleinstieg aller Zeiten

Es gibt nicht gerade wenige Titel, die mal eben bombastisch eröffnen, um dann die Szenarie zu wechseln oder einen Zeitsprung zu vollführen - und mir dann das erste Mal die Kontrolle über die Spielfigur in der relativen Langeweile eines Tutorials zu überlassen. "The Last of Us" kennt kein Tutorial, es kennt nur "it's the end of the world as we know it", in einer Art und Weise vorgetragen, als wenn mir jemand mit einem Vorschlaghammer geschmiedet aus Furcht und Schmerz die Beine wegziehen würde, die bis eben noch fest im geordneten US-Kleinstadtleben standen.

Ein Cordyceps-artiger Pilz, der normalerweise lediglich für Insekten eine Bedrohung darstellen sollte, macht aus Menschen wie etwa meinen Nachbarn, mit denen ich seit Jahren friedlich Tür an Tür lebe, in weniger als zwei Tagen wilde Bestien, die ihrer höheren Gehirnfunktionen beraubt, alles angreifen, was sich bewegt. Selbst die USA ist auf etwas derartiges nicht vorbereitet und so leben 2033, zwei Jahrzehnte nach Spielbeginn, die meisten der wenigen Überlebenden entrechtet aber dafür vergleichweise sicher in Quarantänezonen unter der Aufsicht des Militärs.



Außerhalb der Quarantänezonen hat die Natur die verlassenen Städte und Ortschaften schon zu großen Teilen zurückerobert. Wer hier lebt, ist in der Regel zum Faustrecht zurückgekehrt, zum Recht des Stärkeren - und manchmal sogar im wörtlichen Sinne zum Fressen und gefressen werden. Insofern ist die Bezeichnung "Postapokalypse" für "The Last of Us" in meinen Augen wenig zutreffend - die Apokalypse ist noch im vollen Gange.

Meet the bad ass: Joel!

Meine Spielfigur Joel ist mittlerweile ein abgefuckter Schwarzhändler bzw. Schmuggler in der Quarantänezone Boston. Und um ganz sicher zu gehen, dass ich das verinnerlicht habe, verhört Joel zusammen mit seiner Geschäftsfreundin Tess nach etwa einer Spielstunde jemanden, der ihnen Waffen schuldet - als wenn ich daran und an der 18er Plakette nach einigen geplatzten Köpfen noch Zweifel gehabt hätte...
Erst laden die beiden zum Verhör, indem sie der Lauffreude ihres Opfers mit einer Eisenstange vors Knie Einhalt gebieten, dann gab's einen satten Tritt auf die Nase, dann wurde ihm der Arm gebrochen und schließlich in den Kopf geschossen, weil er - öhm - so eine (vermutlich auch menschlich) Riesenenttäuschung war.



Um ihre Waren endlich wieder zu bekommen, lassen sich die unpolitischen aber dafür umso geschäftstüchtigeren Joel und Tess auf einen Deal mit der - zumindest in Boston gerade unter akuten Auflösungserscheinungen leidenden - Fireflies genannten Widerstandsgruppe ein: Sie sollen die 14jährige Ellie raus aus der Quarantänezone zu einer Gruppe Fireflies am anderen Ende der Stadt bringen. Aber da Tess nicht auf dem Cover ist, verrate ich hier wohl kein Geheimnis, wenn ich sage, dass die Sache gründlich daneben geht.

Spielmechanik vom Feinsten

"The Last of Us" verbindet wie kein mir bekanntes Spiel zuvor eine gelungene 3rd-Person-Shooter-, Nahkampf- und Schleichmechanik mit Survivalhorror, der einem immer wieder das Herz rasen lässt. Hinzukommt ein einfaches Skill- und Craftingsystem und ein vollkommen unterschiedliches Verhalten der Infizierten und normalen Menschen, so dass für zusätzliche Abwechslung in den Auseinandersetzungen gesorgt ist.



Da Joel zwar durchtrainiert, aber kein Supermann ist, muss ich gerade zu Anfang mit wenigen Waffen und Möglichkeiten und ohne Ellies Unterstützung taktischer als in anderen Spielen vorgehen, um zu überleben. Ein Handgemenge mit zwei Gegnern geht auch schnell einmal zu meinen Ungunsten aus und, wenn es einem Gegner gelingt mich zu flankieren, dann trifft er mich im Regelfall auch. Um dies zu vermeiden, kann ich mich ganz still verhalten und gezielt nach meinen Gegnern lauschen. Machen diese allerdings keine Geräusche oder sind zu weit entfernt, nützt mir auch das nichts.

Besonders erfrischend ist in diesem Zusammenhang die Gegner KI. Die Infizierten können nur eingeschränkt oder gar nicht mehr sehen und daher oftmals geschickt umgangen werden, wenn man sich denn leise genug verhält. Leise bedeutet natürlich aber auch langsam, was der Entwickler Naughty Dog zu nutzen weiß, indem er einen immer mal wieder in Situationen schmeißt, in denen man nichts lieber machen würde, als die Beine augenblicklich in die Hand zu nehmen - aber man darf halt nicht!!!



Die normalen Menschen hingegen verhalten sich im Kampf klüger als man dies von anderen Titeln gewohnt ist. Ich habe beim ersten Mal nicht schlecht gestaunt, als ich mir sicher war einen Gegner flankiert zu haben, nur um festzustellen, dass er diese Schwachstelle seiner Deckung auch erkannt, die ursprüngliche Deckung verlassen hatte und mir eine Sekunde später seinerseits in den Rücken fiel. Das war eine interessante Erfahrung... und dank der sehr fair gesetzten Speicherpunkte auch nicht weiter schlimm.

Manchmal ist es dann doch etwas zu einfach gestrickt

Wer mich kennt, weiß, dass ich mit Open World im Regelfall nichts anfangen kann und hingegen gute Schlauchlevel zu schätzen weiß, insofern liegt "The Last of Us" mit seinen klaren Levelgrenzen voll auf meiner Linie. Allerdings beschäftigt man sich knapp 1/10 der Spielzeit damit, alternative Routen für versperrte Wege zu finden... was an sich keine schlechte Idee ist, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es für jedes Problem dieser Art genau eine Lösung gab.



Und die Lösung war dann entweder extrem offensichtlich und recht schnell zu bewerkstelligen - und hätte damit genauso gut im Rahmen einer Zwischensequenz ganz ohne mein Eingreifen ablaufen können, ohne dass sich dadurch irgendetwas fundamental geändert hätte - oder aber weil es ja nur genau diese eine Lösung gab, für mich zunächst unauffindbar gut versteckt - bis sich das Hilfesystem nach ein paar Minuten einschaltete und mich zum benötigten Gegenstand etc. führte.

Auf die Sekunde exakt getimed

Obwohl ich für den Patzer eben bei Balance (und Komplexität) einen Punkt abziehen musste, ist es gerade die Balance, die neben der zum Schneiden dicken Atmosphäre "The Last of Us" in den Rang eines Meisterwerks erhebt. Immer genau dann, wenn sich der Gedanke in meinem Kopf zu formen begann: "Jetzt müsste mal etwas anderes passieren", verschob sich der Fokus des Spiels. Ich weiß nicht, wie die Jungs von Naughty Dog dieses Kunststück fertiggebracht haben, aber irgendwie haben sie es geschafft.



Wenn ich des Schleichens müde wurde, dürfte ich handgreiflicher werden. Als ich genug getötet hatte (okay, davon bekommt man eigentlich nie genug), war der Typ mit dem Kaminsims im Kopf auch tatsächlich der letzte Gegner des Abschnitts und eine längere Dialogsequenz setzte ein. In der zweiten Hälfte des Spiels bin ich zur Abwechslung auch mal hoch zu Ross unterwegs oder als Joels Fähigkeiten und Ausrüstung immer besser wurden, übernahm ich für längere Zeit Ellie und musste meinen Spielstil ihrer geringeren Körperkraft anpassen.

Das nimmt kein gutes Ende

"The Last of Us" hat brillante Animationen, einen wahnsinnig stimmigen Soundtrack des Oscarpreisträgers Gustavo Santaolalla ("Brokeback Mountain") und enteilt etwa "Bioshock: Infinite" (2013) trotz gleicher männlicher "Hauptrolle" bei den Dialogen mit Leichtigkeit. Eine Leichtigkeit, die dem Spiel thematisch völlig fremd ist, so fremd, dass ich schon nach wenigen Stunden sicher war, dass es mit jedem Ort, den ich besuchen würde, nur noch schlimmer werden könnte - und ich sollte Recht behalten.



Ellie hat die Zeit vor der "Seuche" nie erlebt und findet in den verlassen Häusern Spuren eines Familienlebens vor, das sie so nie gekannt hat. In Notizen, Tagebucheinträgen usw. wird die Ohnmacht der gesamten Zivilisation dokumentiert. In frischeren Einträgen erfahre ich, wie verschiedene Gruppen sich teils jahrelang erfolgreich behauptet haben - bis ihnen eine Unachtsamkeit wie ein nicht geschlossenes Fenster zum Verhängnis wurde und sie etwa in Schutzräumen elendig verdurstet sind oder von ihren ehemaligen Gefährten zerfleischt wurden.

Fazit:
Bei "The Last of Us" bin ich so froh wie selten zuvor, dass ich die Spieldauer bei meinem Bewertungssystem berücksichtige. Noch einmal zur Klarstellung: "The Last of Us" ist wahnsinnig gut und wer eine PS3 besitzt und das Geld über hat, sollte jetzt loslaufen und sich das Spiel kaufen. "The Last of Us" ist aber in dieser Form eben auch nur so wahnsinnig gut, weil es mit weniger als 20 Stunden Spielzeit nicht Gefahr läuft, bei der Handlung einen Durchhänger zu haben oder durch das einfache Skill- und Craftingsystem noch weiter bei der Komplexitätwertung abzufallen.



Nach dem ersten Durchspielen werden "New Game Plus" (bisherige Upgrades bleiben erhalten) und der besonders schwere Survivor Schwierigkeitsgrad freigeschaltet, was darauf hindeutet, dass Naughty Dog davon ausgeht, dass man "The Last of Us" mehrmals durchspielt. Da ich anders als etwa in "Mass Effect 2" (2010) jedoch die Handlung nicht die Bohne beeinflussen oder wenigstens als eine anderen Charakterklasse unterwegs sein kann, sehe ich darin überhaupt keinen Sinn.

Den Multiplayermodus habe ich bisher nicht gespielt, aber ein Video davon gesehen. Erinnert mich an "Counter-Strike" mit anderer Spielmechanik. Sicherlich nicht schlecht, aber verglichen mit dem Singleplayerspiel letztlich eine Dreingabe.

Und die praktisch übliche Warnung von mir zum Schluss: Unbedingt Finger weg von der deutschen Tonspur!


Steuerung (15%):
Grafik (15%):
Balance (15%):
Handlung (15%):
Sound (10%):
Zugänglichkeit (10%):
Komplexität (10%):
Spieldauer (10%):