BALDUR'S GATE
Enhanced Edition

BioWare &
Overhaul Games

(28.11.2012 - PC)

(07.12.2012 - iOS)

(22.02.2013 - Mac OS X)


"Baldur's Gate" (1998) ist seit nunmehr 15 Jahren so ziemlich der größte (zumindest mir bewusste) weiße Fleck auf meiner Gamevita. Ich habe das Spiel in seiner ursprünglichen Version zweimal angefangen, aber nie länger als eine Stunde gespielt. Nun, da mit der Enhanced Edition eine Version am Start ist, die sowohl auf modernen Betriebssystemen als auch modernen TFT Monitoren im Breitbildformat anstandslos läuft und wiederum nach einem halben Jahr von Kinderkrankheiten befreit sein sollte, bot sich sozusagen die allerletzte Chance, diese Lücke zu schließen.

Gleich zu Anfang wurde ich das erste und - das sei hier gleich verraten - einzige Mal positiv überrascht. Die schon Ende der 90er alles andere als gelungenen und 2013 abgrundtief grottigen Videos des Originalspiels sind tatsächlich deutlich schöneren - nennen wir es einmal - animierten Storypanels gewichen und stimmten mich positiv auf das ein, was ich da für 20 USD erworben hatte.



Lies 240 Seiten Handbuch und wähle dann einen Charakter

Macht natürlich heutzutage kein Mensch mehr. Hat auch 1998 nicht jeder gemacht, aber wer sich scheut, sich bereits zu diesem Zeitpunkt eingehend mit dem AD&D Regelwerk zu befassen, wundert sich schon beim ersten Levelaufstieg, warum sein Charakter gerade auf dem Gebiet nichts im Ei hat, weswegen er ihn eigentlich wählte. So wie ich mich eben gewundert habe, was mein Paladin denn bis Level 9, ab dem er die Zaubersprüche des Priesters lernen darf, so treiben soll, wenn er mit Waffen nicht mehr besser werden kann.

Ich will nicht alles, was ich an "Baldur's Gate" Scheiße finde, dem AD&D Unterbau in die Schuhe schieben, aber für mich taugen zumindest die damaligen Regeln - und in der Enhanced Edition sind ja schon die Verbesserungen aus "Baldur's Gate II" (2000) eingebaut - überhaupt nichts für ein Computerspiel. Ein menschlicher Spielleiter ist in der Lage einzugreifen, wenn die Helden kein Würfelglück etc. haben, der Computer zieht immer voll durch. Außerdem fasse ich mir bei Angaben wie 1D2 + 1 nur noch an den Kopf. Wie soll der Würfel bitte aussehen?!?



Balancing ist für Pussies

Gleich zu Beginn gibt es die ultimative Frustkeule, weil die rund zehn Lebenspunkte des jeweiligen Helden auf Level 1 gern mal von einem Monster mit einem Schlag abgeräumt werden. Und selbst wenn das Monster zwei oder drei Schläge braucht, kommt der Heilzauber nicht im Leben rechtzeitig. Besonders schön sind Gegner mit Giftschaden über Zeit, denn dann kann ich wenigtens den Load Button schon drücken, bevor ich im Staub liege. Alternativ könnte ich mein gesamtes Gold für Gegengifttränke ausgeben. Nachdem man sich so einige Stunden verlustiert hat, stehen auf Level 2 auf einmal mind. die doppelten Lebenspunkte zur Verfügung. Ganz toll, sollte man unbedingt wieder so machen, kann mir nichts besseres vorstellen.

Weil das aber noch nicht genug Freude bereitet, zerdeppern die Helden storybedingt gern mal ohne jede Ankündigung ihre wenig haltbaren Waffen. Wer auf längere Tour gehen will, führt besser ein, zwei Ersatzwaffen mit, denn regeltreu können viele Helden nur mit wenigen Waffentypen etwas anfangen. Alternativ geht's zurück zur nächsten Stadt...
Ich habe Spiele aus den 90ern wirklich nicht als so grausam in Erinnerung, vielleicht waren die Partyrollenspiele wirklich alle so krampfig, schließlich habe ich nach "Ultima VI" (1990) meist einen Bogen um die Dinger gemacht. Andererseits stammt "Final Fantasy VII" aus dem Jahr 1997 und das war stark.



Schlaf Dich mal richtig aus

Bei dieser Komforthölle wundert es einen dann auch nicht mehr wirklich, dass die paar Zaubersprüche, die man zu Anfang gleichzeitig anwenden darf, ebenso regeltreu bei Anwendung vergessen und dann während des Schlafs wieder gelernt werden. Da Heilmöglichkeiten ohne unendliche Goldreserven knapp sind, bietet es sich ohnehin an, nach jedem Kampf die heilende Kraft des Schlafs zu nutzen. Wenn keine Zufallsbegegnung auf den Plan tritt, schläft man sich so von Erfolg zu Erfolg, wenn doch eher nach Kingdom Come.

Da Spezialfähigkeiten z. B. etwa das Aufspüren von Fallen des Diebs samt und sonders händisch ausgelöst werden müssen, weil sie ein eigener Bewegungsmodus sind, verkommt die Bewegung durch überraschend stark "vermintes" Gebiet zu try and error. Und worin liegt bitte der Spielspaß mit einer Figur, die Schlösser knacken kann, diese Fähigkeit immer speziell auszuwählen, wenn ich ein Scheiß Schloss anfasse? Was will ich wohl machen?



Das kann man sich nicht schönsaufen

Es gibt Spiele, die sind in Würde gealtert: "Diablo" (1996) oder "StarCraft" (1998) etwa sieht man an, dass lediglich 256 verschiedene Farben gleichzeitig zum Einsatz kommen, aber sie sind so stylisch und gut animiert, dass man sich nicht entsetzt abwenden muss. "Baldur's Gate" hingegen strebte eine möglichst realistische Darstellung an und sieht auf Standbildern auch in der Enhanced Edition immer wenn Gebäude im Bild sind wie irgendwelche mal eben hingeklatschten Socialgames aus und die farbenfrohen Wälder bestehen aus den immer gleichen Bäumen.

In Bewegung ist der Arm dann aber ganz ab: Die meisten Animationen wirken, als wären sie bei einem Liverollenspiel abgefillmt worden, wo sich die Leute mit Latexwaffen beharken. Animationen im 2D Zeitalter waren nämlich eine schreckliche Fleißarbeit. Jede einzelne Figur musste mit jeder erdenklichen Ausrüstungskombination animiert werden und das lässt sich um so schneller realisieren, je weniger Frames eine Animation hat und je weniger verschiedene Animationen es überhaupt gibt.



Es war einmal eine angeblich tolle Geschichte

Tja... ich weiß nicht, was ich sagen soll. Vielleicht: Ich bin nicht ergriffen? Ganz ehrlich, ich kapier nicht, was an der Nummer so toll gewesen sein soll. Okay, da rennt einer mit 'nem Hamster (und massivem Dachschaden) rum und auch sonst sind die NPCs jetzt nicht totaler Müll, aber interessiert irgendwen tatsächlich der ganze Rest? Irgendwelche Typen sind die Bösen und wenn die Bösen unbedingt im Wald leben wollen, dann töte ich sie halt im Wald zusammen mit den ganzen anderen Wesen, die den Fehler gemacht haben, nicht bei drei auffem Baum zu sein. BOOO-RING!!!

Aus den 90ern stammen z. B. solche vollvertonten Point & Click Adventure Perlen wie "Day of the Tentacle" (1993) oder "The Curse of Monkey Island" (1997), so dass ich mir überhaupt nicht vorstellen kann, dass damals irgendwer noch diese riesige Textwüste als abendfüllende Unterhaltung empfunden hat. Mit meinem "Baldur's Gate" Charakter stinke ich gegen Guybrush Threepwood einfach nur jämmerlich ab. Ist mir echt so egal, was aus der Frau wird, ob ihr 'ne dritte Brust wächst oder halt nicht.



Fazit:
20 USD total versenkt. Anders kann ich das nicht nennen, was ich hier gemacht habe. Das Spiel wird mit fortschreitender Spielzeit etwas besser. Hauptsächlich, weil ich nicht mehr so furchtbar oft sterbe und einige der Regeleinschränkungen nicht mehr so sehr ins Gewicht fallen. Natürlich freut man sich auch in "Baldur's Gate" später über den einen oder anderen fetten Zauberspruch oder einen besonderen Ausrüstungsgegenstand, generell bleibt es aber ein Krampf, der so gar nicht fließen will.

Zwei Nachfolger im Geiste "Project Eternity" (geplante Veröffentlichung 2014) und "Torment: Tides of Numenera" (geplant 2015) sind auf Kickstarter von den vermutlich mittlerweile ergrauten Fans mit Millionen beworfen worden. Ich glaube aber, dass ich um diese Gruppenabenteuer in isomerischer Perspektive besser erstmal wieder den bisherigen Bogen mache. Wenn ich kein wirklich überzeugendes "let's play" auf YouTube sehe, fasse ich jedenfalls zum Vollpreis keines davon an.


Steuerung (15%):
Grafik (15%):
Balance (15%):
Handlung (15%):
Sound (10%):
Zugänglichkeit (10%):
Komplexität (10%):
Spieldauer (10%):


 

Minimale Konfiguration
des Herstellers:

Auflösung
unbekannt

1 GHz CPU
OpenGL 2.0 Grafikkarte
512 MB RAM
Windows 95
Internet (Aktivierung)