NI NO KUNI:
Der Fluch der
weißen Königin

Level-5

(01.02.2013)


Zuerst ein paar Fakten: Der Schriftzug "Nur auf PlayStation" ist so nicht ganz richtig. Die japanische Fassung von "Ni no Kuni" ist ursprünglich bereits Ende 2010 auf dem Nintendo DS - also einem Handheld der Konkurrenz - erschienen. Ende 2011 kam dann die - wenn auch nicht völlig inhaltsgleiche - japanische PlayStation 3 Version auf den Markt und erst Anfang 2013 wurde nun die englische Sprachfassung weltweit für PS3 veröffentlicht, die in Europa mit englischen, französischen, italienischen, deutschen und spanischen Untertiteln bzw. Schrift vorliegt.

"Ni no Kuni" ist aus einer Zusammenarbeit von Level-5 und dem berühmten Studio Ghibli entstanden und bedeutet wörtlich "das zweite Land". Der Namenszusatz der Original DS Fassung lautete noch "der rabenschwarze Magier" während die japanische PlayStation Version bereits den Zusatz "die Königin der weißen heiligen Asche" trägt, der nun auch in der deutschen Version seine grobe Entsprechung gefunden hat.



Der wenig heimliche Star: Tröpfchen

Er ist kaum 40 cm groß, sagt vom besten Synchronsprecher des Spiels unterstütz so legendären Sätze wie: "Man soll seiner Mutter ja eigentlich nicht mit einer Kanone ins Gesicht schießen", und hätte ein viel besseres Cover für das Spiel abgegeben: Tröpfchen, großer Großfürst der Feen, die von ihrem Aussehen und ihrer ganzen Art wohl besser Kobolde im Deutschen heißen würden.

Jedenfalls ist es Tröpfchen, der es wie kein anderer versteht den 13jährigen (das ist in Japan wohl vor der Pubertät) Hauptcharakter Oliver aus seiner Lethargie zu reißen, in die dieser verständlicher Weise nach etwa 20 Spielminuten aufgrund des unerwarteten Todes seiner alleinerziehenden Mutter gefallen ist. Denn Tröpfchen eröffnet Oliver den Ausblick, dass man in Tröpfchens Parallelwelt die Seelenverwandte seiner Mutter aus den Klauen des bösen Shadar (genau, das ist "der rabenschwarze Magier") retten kann und somit evtl. auch Olivers Mutter in dieser Welt dann wieder lebt.



Für brillante und auch für ein jüngeres Publikum geeignete Basismotivation ist also gesorgt, denn was könnte einen Sohn mehr antreiben als seine über alles geliebte Mutter zu retten. Es gibt da im Kern nur ein Problem: Wie praktisch jeder 13jährige vor ihm verfügt Oliver über keinerlei Eigenschaften, die es ihm erlauben würden Shadar, der von der weißen Königin als Vollstrecker (genaugenommen Zerstörer) der Welt eingesetzt wurde, zu besiegen.

Da ist ein Buch im Kamin...

aber natürlich kein gewöhnliches Buch, das wäre ja in Flammen aufgegangen, sondern der magische Begleiter, in dem alle Zaubersprüche, die Oliver lernt, und sonstige Informationen, die Oliver auf seinen Reisen findet, automatisch eingetragen werden. Besitzer der limitierten Wizard's Edition von "Ni no Kuni" haben das Glück, dass ihnen der magische Begleiter als gedrucktes Buch vorliegt, aber das Buch lässt sich auch ganz gut am Bildschirm lesen.



Nachdem Oliver kurze Zeit später mit Hilfe eines mysteriösen (weil für alle anderen inkl. Tröpfchen unsichtbaren), kleinen Mädchens auch noch einen passenden Zauberstab gefunden hat, ist er als Zauberer gesetzt. Nach etwa einer Stunde Gesamtspielzeit erhält Oliver seinen ersten Vertrauten (think "Pokemon"), der ihn alternativ als genretypischer Tank im Kampf vertritt, genau wie Oliver im Level aufsteigt und mit allerlei Ausrüstung weiter verbessert werden kann.

Außerdem ist mit diesem Ereignis die reine Tutorialphase des Spiels abgeschlossen und der Schwierigkeitsgrad zieht langsam aber sicher an, so dass einen während des ersten Bosskampfs auch durchaus schon der erste Bildschirmtod ereilen kann, der außer 10 % Bargeldverlust aber keine negativen Auswirkungen nach sich zieht. Innerhalb der nächsten zehn bis 15 Stunden - letztlich natürlich stark abhängig davon, wie viele Nebenquests man zu diesem Zeitpunkt absolviert - baut Level 5 die wesentlichen Features nach und nach ins Spiel ein.



Features wie der Kampf mit drei Charakteren, die je bis zu drei Vertrauten haben können, den Alchemiekessel, in dem Gegenstände nach Rezept oder frei nach Schnauze zu neuen, mächtigeren Gegenständen kombiniert werden können, den Kreaturenkäfig, in dem ich die Werte der Vertrauten durch Leckereien gezielt steigern kann, und die Phiole, in der ich Herzfragmente sammel, um sie denen zu geben, denen von Shadar ein Teil ihres Herzens genommen wurde.

Herz reimt sich seit Jahrhunderten auf Schmerz

Verglichen mit anderen japanischen Rollenspielen gewinnt "Ni no Kuni" also keinen Innovationspreis, schlimmer ist aber, dass die originellste Idee mit den gebrochenen Herzen im Rahmen von Nebenquests spielerisch frei von jedem Anspruch ist und den einzigen echten Bock des Spiels darstellt. Spender wie Empfänger werden einfach so lange mit malträtiert, während sie wenig ergreifende Textzeilen abspulen, bis ich endlich den "Herz nehmen" bzw. "Herz geben"-Zauber sprechen darf. Ein komplett automatischer Ablauf hätte es sicherlich auch getan bzw. es wäre für die Handlung und insbesondere für die Balance wohl das Beste gewesen, mindestens auf die Hälfte der Nebenquests dieser Art zu verzichten.



Neben der manchmal unpassenden Musik von Joe Hisaishi fällt außerdem negativ auf, dass das Spiel nicht komplett vertont ist. Mir ist schon klar, dass die Menge an Dialogen nur schwer im Rahmen eines Spiels dieser Budgetgrößenordnung realisiert werden kann, ändert aber nichts an meiner Empfindung, dass der Ton nun einmal fehlt, insbesondere im Vergleich zu Produktionen von CD Projekt RED wie "The Witcher" (2007) und "The Witcher 2" (2011), die auch nicht mit unendlich großem Budget auf die Beine gestellt wurden.

Zwei weitere kleine Patzer "gönnt" sich das Spiel mit einigen viel zu spärlich dekorierten Innenräumen, die deutlich gegenüber der restlichen, absolut fantastischen Grafik abfallen, und einem Bedienungsmangel, der sich darin äußert, dass ich sowohl bei meinen Eigenkreationen mit dem Alchemiekessel immer nur ein Exemplar auf einmal herstellen und beim Kreaturenkäfig immer nur ein Exemplar eines Leckerli verfüttern kann, so dass ich im schlimmsten Fall bei einer Fütterung von neun Vertrauten 90 Mal drücken muss.



Und der Rest? - GIGANTISCH GUT

Was in den drei vorherigen Absätzen steht, ist dann aber auch schon absolut alles, was ich negatives über "Ni no Kuni" sagen kann, denn das Spiel knallt ansonsten nämlich einfach mal eben alles weg. Das Kampfsystem etwa wirkt mit seinen Sprechblasen zuerst sehr kindlich, verquirlt aber wie kaum ein JRPG zuvor überaus gelungen Aktion (z. B. Positionierung während des Kampfs oder rechtzeitige Einnahme einer Verteidigungshaltung) und Taktik (z. B. welchen Vertrauten mit welcher Spezialfähigkeit oder Resistenz setze ich ein), so dass ich eine riesige und vor allen Dingen spitzenmäßig ausbalancierte Spielwiese vorfinde - und mich frage, was die Kollegen von Square Enix beim unsäglichen "Final Fantasy XIII" wohl geritten hat und vor allen Dingen noch immer reitet, denn dieses Jahr kommt ja wohl noch der dritte Fehlversuch in die Läden.

Level 5 hat es grafisch nicht nur geschafft, den typischen, händischen Animestil von Studio Ghibli perfekt in Computeranimationen umzusetzen, sondern erreicht immer wieder insbesondere mit farbigen Licht wie auf dem Vulkan oder während bedrohlicher Stimmung wie auf dem Pfad der Gräber auch in interaktiven Sequenzen die optische Durchschlagskraft von Filmen wie "Chihiros Reise ins Zauberland" (2001). Und einige Bosse sehen auch einfach nur kultig aus.



Am meisten Freude im grafischen Bereich bereitet aber die (leider selten gewordene) Überlandkarte, über die praktisch übergangslos gelaufen, gesegelt und geflogen wird. Die Perpektive bzw. der Abstand zur Reisegruppe erinnert dabei stark an die Kamerafahrten aus "Der Herr der Ringe" während längerer Reisen im Gänsemarsch. Allerdings beeindrucken die Landschaften nicht durch realistische Darstellung, sondern durch schier unglaublich schöne Farben direkt aus dem Tuschkasten und verschiedene Lichtstimmungen.

Von fast gleicher Durchschlagskraft ist die Handlung, die oftmals von skurilen Typen vorangetrieben wird. Trotz des sehr geringen physischen Gewaltgrades möchte ich aber ganz klar anderen Eltern davon abraten, dieses Spiel einem Kind unterhalb der Altersfreigabe einfach so in die Hand zu drücken, bevor sie es nicht selbst angespielt haben und individuell beurteilen können, ob ihr Kind soweit ist. Denn psychologisch macht das Spiel mit dem Verlust eines Elternteils und ähnlich gravierenden Vorgängen (mehr soll hier keinesfalls verraten werden) ein Fass auf, aus dem mir mehrmals die Tränen über die Wangen gekullert sind.



Das gedruckte Handbuch ist bereits gut, noch viel besser sind jedoch der sprechende Stein, "ein kluges (wenn auch etwas angeberisches) Wesen," wie es in der Anleitung so schön heißt, das einem alles über das Spiel beibringen kann, und der bereits erwähnte magische Begleiter. Der ist nämlich gefüllt mit Geschichten, Landkarten und allerlei Hinweisen, was für tolle Vertraute ich bekommen kann, welche z. B. Rüstungen sich noch verbessern lassen, wie ich Leckerlis selbst herstelle und wo ich bestimmte Waffen etc. finde, womit dann jeder für sich selbst entscheiden kann, wie zielgerichtet er vorgehen möchte und wie komplex er somit das Spiel ausgestaltet.

Fazit:
Ich war mir ziemlich sicher, dass es vor 2014 oder konkreter vor "Dragon Age III" oder "The Witcher 3" keinen neuen Spitzenreiter in meiner Bestenliste geben wird - und schon gar nicht ein Spiel mit einer Altersfreigabe ab 12 Jahren. "Ni no Kuni" unterhält aber nicht nur mal eben mindestens 50 Stunden auf höchstem Niveau - es sei denn man sammelt gerade Herzfragmente - sondern präsentiert anders als die meisten anderen JRPGs glaubwürdige Charaktere, die nicht alle dringend wie in "Final Fantasy XIII" einen Besuch beim Psychologen benötigen, um vom Jammerlappensyndrom geheilt zu werden.



"Ni no Kuni" wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch international kein Millionenseller werden, nachdem es sich innerhalb Japans zwar gut verkauft, aber nicht die Millionengrenze geknackt hat. Ich hoffe daher, dass Level 5 zukünftig nicht den mit solchen Großprojekten und der Lokalisierung solcher Großprojekte verbundenen Aufwand scheut und wieder nur hauptsächlich ein "Professor Layton"-Spiel nach dem anderen - immerhin acht in sieben Jahren - auf den Markt wirft.

Wer sich bisher an kein JRPG getraut hat oder sich mit Schaudern an das letzte erinnert, dem möchte ich noch einmal versichern, dass ich "Ni no Kuni" so knallhart wie kaum ein anderes Spiel bewertet habe und die hohe Wertung ohne wenn und aber gerechtfertigt ist.


Steuerung (15%):
Grafik (15%):
Balance (15%):
Handlung (15%):
Sound (10%):
Zugänglichkeit (10%):
Komplexität (10%):
Spieldauer (10%):