FORZA HORIZON

Playground Games

(26.10.2012)


Vor genau einem Jahr habe ich am Ende meiner Kritik zu "Forza Motorsport 4" (2011) geschrieben: "Wenn es den Jungs beim nächsten Mal gelingt einen Ansatz von Handlung in die Karriere zu bringen, fällt die 90er Wertung." Nun ist "Forza Horizon" nicht "Forza 5" und das Stammstudio Turn 10 hat lediglich bei der Technologie aber nicht etwa bei der Handlung die Finger im Spiel, doch interessant sollte der Vergleich in jedem Fall werden.

Vorwegschicken möchte ich noch, dass "Horizon" lediglich auf dem Papier das Debut von Playground Games ist, denn die mittlerweile über 100 Angestellten stammen zu großen Teilen von so namhaften Entwicklern wie Codemasters ("Dirt"), Bizarre Creations ("Project Gotham Racing"), Criterion Games ("Burn Out"), Ubisoft Reflections ("Driver"), den Slightly Mad Studios ("Shift") und dem Black Rock Studio ("MotoGP"), die allesamt den Löwenanteil ihrer Einnahmen mit Rennspielen erzielt haben.



Es war also nicht zu erwarten, dass "Horizon" an Kinderkrankheiten leiden würde, aber würde ein Spiel rund um das namensgebene Horizon Autofestival auch frei von Kindereien sein? Die offizielle Produktbeschreibung ist etwas ausufernd und füllt mehr als eine halbe Schreibmaschinenseite, ich kann das Wesen des Spiels deutlich kürzer beschreiben: "Need for Speed: Underground 2" (2004) in ländlicher Gegend + Tag- und Nachtwechsel + vernünftige Fahrphysik.

Egal ob man sich nun eher bei der Erinnerung an die Handlung von "Underground 2" vor Schmerzen windet oder über die unfreiwillige Realsatire totlacht, man bekommt genau diese Gratwanderung auch in "Horizon" geboten. Frauen haben praktisch nichts an, spüren offensichtlich keine Kälte und stehen einfach auf jeden, der einen Zündschlüssel umdrehen kann. Meine Gegner gehören alle in die Psychatrie, denn Autofahren ist Schwanzvergleich und Krieg in einem für sie und als Zugabe verfolgt mich so ein Blasehase auf Schritt und Tritt und macht mich per Knopf im Ohr ständig an, aber keine "hot coffee mod" weit und breit. Wenigstens stellt sich so nicht die Frage, ob man das Spiel auf Deutsch oder Englisch spielen sollte, es ist völlig scheißegal!



Auf der Habenseite kann ich dafür verbuchen, dass im Gegensatz zu "Forza 4" das Spiel tatsächlich nur voranschreitet, wenn man wenigtens einige Rennerfolge erzielt und sogar das Verhältnis von Einnahmen zu Ausgaben über weite Strecken des Spiels so passig ist, dass ich mir Gedanken darüber machen muss, wofür genau ich mein Geld ausgeben will. Und ganz ehrlich gesagt, ist mir das dann doch wichtiger als die Kinderkacke drumherum.

Sich bei "Underground 2" zu bedienen, bedeutet natürlich auch Open World und auch wenn "Horizon" geschickt versucht die Leere mit Radarfallen und großen (Autos in Scheunen finden) und kleinen (Rabattschilder kaputtfahren) Belohnungen zu füllen, so entlarvt der spieleigene Statistikteil, dass ich bei mittleren Gegnerstärke - bei vier Abstufungen eine als die mittlere zu bezeichnen, grenzt an Schwachsinn - etwa gleich viel Zeit mit dem Reisen von A nach B verbracht habe wie mit den eigentlichen Rennveranstaltungen. Wer's mag - ich mag's nicht!



Eben habe ich ja schon den Schwierigkeitsgrad erwähnt und der spielt eine ganz spielentscheidende Rolle. Wie gehabt lassen sich verschiebene Hilfen wie z.B. ABS, Traktionskontrolle und Ideallinie aktivieren. Ich möchte an dieser Stelle dringend dazu raten, nur die unbedingt nötigen in Anspruch zu nehmen, da einerseits sonst das Charakteristische der verschiednen Wagen verloren geht und andererseits der Unterschied zwischen den verschiedenen Straßenbelägen wie Asphalt und Sand kaum noch vorhanden ist.

Am wichtigsten ist aber tatsächlich die Gegnerstärke, weil bei zu geringer Herausforderung der größte Unterschied zu "Forza 4" in den Hintergrund gerät: Die Strecken von "Horizon" sind mit Buckeln übersäht und haben auch mal Bordsteine und ähnliches. Die Bewegung in vertikaler Richtung bzw. der Verlust von Bodenhaftung aufgrund vertikaler Kräfte spielt daher eine viel größere Rolle. Wenn die Gegner jedoch zu langsam fahren, kann ich diesen Faktor komplett ignorieren und bewege mich spieltechnisch lediglich auf der Horizontalen in 2D. Wer ein Bisschen frustresistent ist, steigt also besser gleich bei Gegnerstufe 3 ein.



"Müsste unter diesen Voraussetzungen das Fahren in "Horizon" nicht mehr Spaß als in der Hauptserie machen", wäre nun die aus der logischen Konsequenz geboren Frage und ich kann sie mit einem klaren JEIN beantworten, denn die "Horizon"-Strecken haben auch zwei gravierende Nachteile: Da lediglich ein rein optisches Schadensmodell zum Einsatz kommt, bietet es sich (besonders im Multiplayer) an, wenn eine sehr langsame Kurve auf eine sehr schnelle Gerade folgt mit Hilfe der Leitplanke oder anderer Teilnehmer schneller als regulär möglich zu "bremsen", und aufgrund der organisch und realistisch wirkenden Umgebung lässt sich mit zunehmender Geschwindigkeit und abnehmenden Tageslicht nicht mehr ohne Weiteres erkennen, wo es denn eigentlich lang geht.

Man sollte meinen, dass ein Blick auf die Minimap zumindest das zweite Problem beheben kann, aber dem ist häufig nicht so. Bei 250 Sachen hat man nur noch Sekundenbruchteile Zeit, um den Fokus auf die Minimap zu richten, dort das Layout der Kreuzung zu erfassen und vor allen Dingen die Entfernung bis zu dieser Stelle abzuschätzen. Gerade bei illegalen Rennen mit Gegenverkehr ist der Blick auf die Minimap ein absoluter Garant für einen Frontalzusammenstoß im nächsten Augenblick.



Also nochmal "Horizon" ist nicht "Forza 5" und das ist an sich nichts Schlechtes, aber über manche Dinge komme ich nicht so einfach hinweg und vermisse schon, dass ich z.B. zwar meine Wagen mit Rennteilen tunen kann, aber nicht das Setup einstellen, besonders eine kleinere Übersetzung auf Strecken ohne lange Geraden wäre schön, oder das die Hilfetexte zu den Tuningteilen nicht berücksichtigen, dass z.B. bei einem Rennen auf Sand die Reifen mit weniger Profil vielleicht doch nicht die höhere Haftung bringen. Und überhaupt mal wieder gedruckte Handbücher wären so geil...

Nicht weiter tragisch ist, dass in "Horizon" nicht erneut über 500 sondern nur rund 135 verschiedene Wagen zur Verfügung stehen, da die Auswahl der Wagen mit einem wesentlich besseren Händchen als etwa in "Need for Speed: SHIFT" (2009) und "SHIFT 2 Unleashed" (2011) erfolgt ist, die etwa über die selbe Anzahl an Wagen verfügen. Besonders der 83er Audi Sport Quattro und 67er VW Käfer machen mich einfach nur glücklich, auch wenn letzterer ab 100 PS aufwärts ein extrem nervöses Heck entwickelt.



Bei den offiziellen Rennen selbst wird einiges an Abwechslung geboten, jedoch abseits davon nicht soviel wie uns das Marketing gerne verkaufen möchte. So stellt sich schnell heraus, dass es ziemlich egal ist, ob ich während der Showveranstaltungen nun gegen ein Flugzeug oder einen Ballon antreten, weil es sich in jedem Fall um ein Rennen gegen die Uhr handelt. Auch die drei Aufgaben, die die Kosten für die Schnellreisepunkte drücken, sind bei jedem dieser Punkte immer die gleichen und unterscheiden sich nur unwesentlich durch die Fahrzeuge, mit denen ich diese absolvieren muss.

Grafisch hingegen sticht "Horizon" alle übrigen Rennspiele und auch sonst alles bis auf ganz wenige Titel wie etwa "The Witcher 2 - Enhanced Edition" (2012) auf dieser Konsolengeneration weg. Selbst verglichen mit dem PC muss sich das Spiel nur wenigen Titeln deutlich geschlagen geben, die für ihren Sieg aber auch Hardware im Neuwert von knapp 1.000 € ins Feld führen müssen. Folglich kann es nur ein Gebet an Microsoft geben: Bringt in einem Jahr "Forza Motorsport 5" unbedingt als Launchtitel für die nächste Xbox. Sonst kauf ich das Scheißding nicht gleich am ersten Tag!!!



Der Sound ist leider etwas durchwachsen - bezüglich der Musik, weil selten mein Geschmack (und die Schlagzeuger taugen meist nichts), was ich dem Spiel aber nicht negativ anlasten will - und bezüglich der Fahrzeugmotoren, weil unterschiedlich laut. Dass Motoren in der Realität unterschiedlich laut sind, ist natürlich korrekt, nur wenn ich das akustische Feedback in Form der Motordrehzahl mal gar nicht hören kann und, wenn ich entsprechend nachgeregelt habe, beim Wechsel in ein anderes Auto sogar meine Nachbarn, dann verzichte ich lieber auf ein Bisschen Realität, und auf das Options- und Fernbedienungsgefummel gleich mit.

Kein "Forza" ohne Multiplayermodus - natürlich wie traditionell auf der Xbox 360 nur für Besitzer eines kostenpflichtigen Xbox LIVE Goldabos. Diesmal gibt's wieder nur acht anstatt bis zu 16 Mitspieler wie letztes Jahr und zumindest während meiner kurzen Tests gibt's das Ganze auch nur mit größeren Synchronisationsproblemen. Natürlich kann dies auch an der Verbindungsqualität des jeweiligen Spielers liegen, wenn seine Position so selten aktualisiert wird, dass er wie ein Insekt vor mir hin- und herzittert, aber bisher traf dies viele Mitspieler, wenn ich Ihnen nah war, und in der Vergangenheit habe ich nie etwas ähnliches erlebt.



Fazit:
Wer seit Jahren gerne mal wieder ein gutes "Need for Speed" gespielt hätte, kann bei einem Kauf von "Forza Horizon" nichts falsch machen. Wie lange man sich dann tatsächlich mit dem Spiel beschäftigt, ist von einigen Faktoren abhängig: Wer nur den bisherigen Horizon Champ besiegen will, schafft dies auf der mittleren (seufz!) Gegnerstufe in gut zehn Stunden. Wer absolut alles mitnehmen will, braucht etwa 20 Stunden.

Und wer wie ich merkt, dass es total smart gewesen wäre, wenn er durchgängig auf der zweitschwersten Gegnerstufe gespielt hätte, kann fünf weitere Stunden einplanen und erlebt ein wesentlich anspruchsvolleres und komplexeres Spiel. So oder so, kein Spiel für die Ewigkeit, aber zwei Durchläufe und ein Bisschen Multiplayer sind drin, nach etwa 40 Stunden ist dann aber allerspätestens der Ofen aus.


Steuerung (15%):
Grafik (15%):
Balance (15%):
Handlung (15%):
Sound (10%):
Zugänglichkeit (10%):
Komplexität (10%):
Spieldauer (10%):