BINARY DOMAIN

Team CS1

(24.02.2012)


Wer ein durch und duch originelles Spiel sucht, der kann jetzt schon aufhören zu lesen und sich woanders umsehen. Wer hingegen einfach nur in einem 3rd Person Shooter mit Science Fiction Szenario gut unterhalten werden will, kann ruhig bleiben.

Was die "Yakuza 4" (2010) Macher mit "Binary Domain" abliefern, ist in der Tat alles nur geklaut. Spieltechnisch bekommt man "Gears of War 2" (2008) mit einem Schuss "Mass Effect 2" (2010) und die Geschichte ist aus einer ähnlichen Liaison der Filme "Blade Runner" und "Ghost in the Shell" entstanden, wobei besonders die stylistischen Anleihen beim letzteren so stark sind, dass man während einiger Zwischensequenzen glauben könnte, unverhofft den Trailer für einen dritten Teil zu sehen.



Offizielle deutsche Produkbeschreibung:
"[In] Binary Domain [... müssen] Sie die Kontrolle über das von Robotern besetzte Tokio zurück erlangen [...].
Im Jahr 2080 erhalten Dan Marshall, ein Mitglied der internationalen Friedensgruppe R.U.S.T, und sein Squad den Auftrag die Roboter in Tokio unter Kontrolle zu bringen. Dort werden von Unbekannten illegale Roboter hergestellt - die sogenannten Seelenlosen. [Diese] sehen [...] nicht nur wie Menschen aus, sondern handeln auch so und halten sich sogar für Menschen. Doch ihre emotionale Instabilität kann innerhalb von Sekunden tödlich werden."

Lustigerweise ist davon kein Wort wahr, aber sowas passiert wohl schon mal, wenn ein Text vom japanischen erst ins englische und dann ins deutsche übersetzt und dabei immer weiter zusammengefasst wird. Tatsächlich erfreut sich Tokio bester Ordnung und der Auftrag lautet auch nicht, Tokio zu retten (allein die Vorstellung, wie das mit einer handvoll Leuten gehen soll), sondern den möglichen Entwickler der Seelenlosen, Yoji Amada, festzunehmen.



Aber egal - aus meiner Sicht hat man sich wenigstens bei den richtigen Vorbildern bedient, wobei mir die Kämpfe gegen Standardgegner sogar noch eine Schippe besser gefallen als etwa die in "Gears of War 3" (2011). Total rätselhaft hingegen ist mir die "voice commands" Komponente, mit der man direkt mit seinen Squadmitgliedern kommunizieren soll, was aber bei keinem Käufer zu funktionieren scheint. So wurde z.B. mein Satz "hey, voice link is on" als "advance" interpretiert, obwohl kein Vokallaut übereinstimmt. Generell funktionierte die Worterkennung besser, wenn ich versuchte einen japanischen Akzent nachzuahmen...

Mal von den Schwierigkeiten auf der Konsolenseite des Mikrophons abgesehen, hatte ich größte Probleme während der Feuergefechte den teils längeren Ausführungen meiner Kameraden zu folgen, um dann meine Antwort, die mir logischerweise im ganzen Satz auf der Zunge lag, auf die ein oder zwei Worte zu reduzieren, mit denen das Spiel in dieser Situation auch etwas anfangen konnte. Zivile Antworten waren aber ohnehin nicht gefragt, alles außerhalb der Themenbereiche ja, nein, ficken und töten führte sowieso zu nichts. Schnell habe ich das Mikrophon ausgeschaltet und die Antworten lieber gleich aus einer kurzen Liste ausgewählt.



Wer den vollen Genuss will, darf es mit der Logik nicht so genau nehmen. Das Spiel verfügt über ein rudimentäres Charaktersystem, das sich ausschließlich über Geld steuert. Da man jedoch nicht gegen Menschen sondern gegen Roboter kämpft und diese, wie das nun einmal ihre Art ist, kein Bargeld mit sich herumschleppen, erhöht sich mein Kontostand auf magische Weise, wenn ich möglichst viele Roboter in möglichst viele Einzelteile zerlege. Um Himmels Willen - wer zählt denn da so genau mit?

Mit meiner Kreditkarte kaufe ich dann an Geräten, die einem Kaffeeautomaten ähneln, Waffen, Waffenupgrades, Medikits, Munition, Raketen und Nanoimplantate. Warum breche ich die Dinger nicht einfach auf? Warum diese Dinger überall stehen, kann sich auch kein Mensch erklären, ich meine, die Dinger sind potentiell so gefährlich, dass selbst die waffenvernarrten US Amerikaner vergleichbares noch nicht aufgestellt haben. Warum die japanische Regierung nicht wenigstens meine Kreditkarte sperrt, bleibt ihr großes Geheimnis.



In das gleiche Grab nehmen die Entwickler auch das Geheimnis, warum es in Japan mehr als ein Dutzend verschiedener, teils hausgroßer Robotermodelle geben sollte, die nicht einmal in der Lage sind, drei Soldaten zu stoppen. Für welchen Zweck wurden die Dinger entwickelt und angeschafft? Um sich gegen streunende Hunde oder randalierende Senioren zur Wehr zu setzen? Eine wenigstens halbwegs nachvollziehbare Kostennutzenrechnung meiner Gegner wäre schön gewesen, wenn sie strategisch schon so äußerst ungeschickt Raketenwerfer für mich liegenlasen.

Diesen Schwächen gegenüber steht ein echtes Highlight: Das Consequence (bzw. Vertrauens)-System meiner Mitstreiter, das, anders als in anderen Spielen, nicht nur daraus gespeist wird, welche Dialogoptionen ich wähle, sonderen auch direkt darauf reagiert, wie gut und mutig ich kämpfe oder ob ich etwa gerne mal meine eigenen Leute anschieße, während ich mich in der letzten Reihe verstecke.



Wer immer nur andere den Kopf für sich hinhalten und auch sonst den Lonesome Cowboy Arsch raushängen lässt, steht schnell mit einem Haufen missmutig gelaunter Einzelkämpfer da, die keine Deckung mehr geben, nicht vorrücken, wenn auch nur die geringste Gefahr besteht, angeschossen zu werden, und anstatt eines Medikits höchstens entsicherte Granaten weiterreichen. Sprich: Die Kämpfe werden dadurch spürbar und nachvollziehbar schwerer.

Wie in jedem asiatischen Spiel, das ich kenne, sind die jeweiligen Charaktere klischeehafte Nationalclowns von shakespearehaften Ausmaß inkl. Buffo. Bei einem längeren Rollenspiel wäre mir das vielleicht irgendwann auf den Sack gegangen, bei einer so wilden Achterbahnfahrt wie "Binary Domain" war es jedoch tatsächlich witzig, insbesondere da die Entwickler die japanischen Figuren ebenfalls überzeichneten und damit zeigten, dass sie über sich selbst lachen können.



So stilsicher und in sich stimmig das Design von "Binary Domain" ganz überwiegend ist, so durchschnittlich ist leider die Grafiktechnik. Wieder einmal verrät vor allen Dingen die Beleuchtung, dass die PS3 als lead platform zum Einsatz kam, aber auch viele Animationen, die bekanntlich nicht von der Hardware limitiert werden, erreichen nicht die Qualität der "Gears of War"-Reihe. Auf der anderen Seite sollte man dies nicht überbewerten, denn das Spiel besitzt einen so guten Fluss, dass man keine Gefahr läuft, sich über die Grafik zu ärgern.

Fazit:
Mit einiger Überraschung ist "Binary Domain" für mich dank seines runden Spielablaufs einer der besten 3rd Person Shooter, sogar eine zweite Runde ist drin. Der Multiplayermodus bietet ausschließlich Standardkost. Hier wäre es aus meiner Sicht besser gewesen, die Resourcen für einen Co-op Modus des Hauptspiels zu nutzen. Wäre doch eine schöne Sache für den zweiten Teil (hint, hint!), denn - da sind sich die meisten einig - der kann ruhig kommen. Leider hat Sega das Marketing und den Veröffentlichungszeitraum so in den Sand gesetzt, dass die miesen Verkaufszahlen (nur 20.000 Einheiten in den ersten zwei Monaten in den USA) gegen einen zweiten Teil sprechen.


Steuerung (15%):
Grafik (15%):
Balance (15%):
Handlung (15%):
Sound (10%):
Zugänglichkeit (10%):
Komplexität (10%):
Spieldauer (10%):