FORZA HORIZON 2

Playground Games

(02.10.2014)

auch veröffentlicht auf Xbox 360


Es gab schon immer Spiele, die für alle möglichen Systeme und auch über Generationen hinweg erschienen sind - vor allen Dingen von EA - aber ich glaube, etwas wie "Forza Horizon 2" gab es noch nie, denn bei "Horizon 2" hat Publisher Microsoft in keinster Weise im Vorfeld kommuniziert, dass sich die Versionen für Xbox 360 und Xbox One so gravierend unterscheiden, obwohl dies nicht zu erwarten war.

Nachdem ich mir vor knapp einem Jahr die einfach nur grauenvolle Xbox 360 Version von Sumo Digital reingezogen hatte, fiel mir vor zwei Wochen endlich die Xbox One Version vom Stammstudio Playground Games für schmales Geld in die Hände. Ich hatte im Vorfeld absichtlich keinen detektiven Eifer entwickelt und war immer noch davon ausgegangen, dass ich jetzt das gleiche (also ziemlich schlechte) Spiel mit lediglich fantastischer Grafik zu sehen bekomme. Da sollte ich mich teils sehr täuschen...



"Das Rennspiel des Jahres" - Gamezone

Steht deutlich sichtbar hinten auf beiden "Horizon 2" Verpackungen, aber mal abgesehen davon, dass der Reviewer auf Gamezone nicht wirklich gut informiert ist - er benutzt ausschließlich wenig repräsentative Pressefotos, hält die Bucket List Challenges (Gähn!) für neu und glaubt z. B. es gebe keine Mikrotransaktionen - hat er die Xbox 360 Version nie zu sehen bekommen. Und deshalb, liebe Microsoft Scheißbande, hat der Spruch auf der Xbox 360 Verpackung auch rein gar nichts verloren.

Warum ich jetzt überhaupt darauf komme? Weil ich viel Zeit hatte, denn zunächst startete "Horizon 2" auf der Xbox One erst einmal gar nicht. Die Installation von der Blu-ray dauerte schon ewig, aber dann war wohl ein Patch etwas größer als die 300 MB, die mir da angezeigt wurden, nur das lachhafte Dashboard der Xbox One war mit der Situation völlig überfordert. Im zweiten Versuch patchte es sich doch noch irgendwie zuende, aber dann hatte ich nach gefühlt einer Stunden leider keine Zeit mehr zum Spielen und musste das Spiel sofort wieder ausmachen. Beim nächsten Start brach "Horizon 2" gleich beim Laden meines Profils ins Essen. Ist mir bei keinem anderen exklusiven Spiel jemals passiert, muss ich nicht verstehen...



Wir warten aufs Christkind!

Die Zwangspause führte u. a. dazu, dass ich doch noch Informationen zusammensuchte: Die Installationsgröße von "Forza Horizon" (2012) war 7,2 GB, vermutlich belegt "Horizon 2" auf der Xbox 360 ähnlich viel Platz, aber auf der Xbox One belegt das Spiel bei mir mittlerweile 39 GB. Selbst wenn ein Spiel aus nichts als Grafik bestehen könnte, würde das niemals den Faktor 5 erklären, denn von 720p auf 1080p macht bekanntlich alles über Faktor 2,25 hinaus keinen Sinn. Was sind das also für 23 GB extra da auf meiner Festplatte, die der Xbox 360 fehlen?!? Erweiterung von 3 auf 7 Radiostationen? Stimm, hat die Xbox 360 nicht. Vernünftige Beleuchtung? Ganz sicher nicht! Regen? Nö! Drivatar? Nö! Setups? Nö! Durchgehende Story (leider nicht so gut, wie beim ersten Teil)? Nö!

Man kann sich des Eindrucks nur schlecht erwehren, dass es bei der Xbox 360 Version vor allen Dingen darum ging, am Ende keinen zweiten Datenträger zu benötigen, denn der kostet in der Herstellung geschätzt 25 ct (ich als Privatperson kann 10.000 DVDs für umgerechnet 38 ct das Stück pressen und bedrucken lassen). Je länger ich "Horizon 2" auf der Xbox One also spielte, desto größer wurde die Schere zwischen den beiden Versionen. Schon bald trat ich nicht einmal mehr zu den selben Rennen an...



Ich seh die Strecke vor lauter Bäumen nicht!

Eine Zeit lang hatte ich also große Hoffnungen, dass "Horizon 2" sich auf der Xbox One doch noch zu einem guten Spiel mausert, aber dann musste ich mir eingestehen, dass die Strecken zwar andere waren, aber keine um Klassen bessere. Zum einen spielt die Umgebungsgrafik natürlich technisch in einer anderen Liga, interessant aussehen tut sie trotzdem nicht immer und der Wiedererkennungswert der meisten Strecken ist weiterhin unheimlich gering. Gerade bei Querfeldeinstrecken ist man so orientierungslos, dass dort wie bei "Need for Speed: Underground" (2003) riesige Pfeile einem die Richtung weisen müssen.

Zum anderen ist auch auf der Xbox One das Handling bezüglich verschiedener Fahrbahnuntergründe total für Katz. Weder gibt es die aus Teil 1 von mir so geliebten Bordsteine bzw. die Entscheidung, ob man diese umfährt oder nicht, noch interessiert es das Auto großartig, ob ich gerade Asphalt, Sand oder Schotter unter den Rädern habe. Und ich wage einfach mal zu behaupten, dass ich mit keinem Auto der Welt querfeldein wie mit einem Panzer herumbrettern kann, wenn besagtes Auto lediglich über eine Bodenfreiheit von 10 cm verfügt, aber in "Horizon 2" ist das vollkommen normal.



Open Kochstudio

Die Idee dem Spieler jederzeit die Wahl zu überlassen, was er tut, ist wirklich gut gemeint, aber es führt hier ganz oft zu nichts. Was in der Open World rumsteht (Bonusschildchen, Geschwindigkeitsmessungen), ist völlig banal. Auf meine Verkehrsverstöße reagierende Polizeiautos hätten hier ausnahmsweise mal richtig gut reingepasst, aber meine Zerstörungsorgien interessieren in der Horizonwelt niemanden. Tja, und wenn es zu den eigentlichen Rennen kommt, muss man der Drivatartechnologie zwar bescheinigen, dass sie einen besseren Job als klassische KI Fahrer macht, aber mit den echten Rennstrecken aus "Forza Motorsport 5" (2013) besser klarkommt.

Wer sich das Spiel absichtlich versauen will, der sollte regelmäßig mit möglichst langsamen Autos, wie man sie tatsächlich überall auf der Straße sieht oder einer der relativ zahlreichen Klassiker, an den Start gehen. Diese Autos sind perfekt dafür geeignet, einem zu zeigen, wie hochgradig absurd es ist, eine Strecke mit Tempo 150 zu befahre, die selbst bei Tempo 250 wenig bis gar keine Herausforderungen bietet. "Horizon 2" ist voll von solchen Strecken und lustigerweise ist es noch blöder und niveauloser in der Xbox One Version über solche Strecken zu gurken, weil ich auch noch das Setup des Autos perfekt anpassen kann.



Echte Herausforderungen entstehen eher durch Zufälle, wie der Screenshot oben beweist. Während bei der 360er Version die Abweichungen nach oben und unten beim Performanceindex der KI Wagen sich in einem relativ engen Rahmen von etwa 30 Punkten bewegen, sind die Gegner hier in der Regel mit gleichstarken Autos unterwegs. Oder haben gleich mal satte 97 Punkte mehr, was dann kaum zu kompensieren ist, selbst wenn der Drivatar des Level 217 Fahrers bei meinem ich weiß nicht wievielten Versuch endlich mal einen größeren Fahrfehler beging. Der Fairness halber sei aber betont, dass das nicht andauernd passiert.

Multiplayer = multiple Verunsicherung

Wer vorschlägt, dem Spieler heutzutage noch eine Anleitung in die Packung zu legen, wird vermutlicht aufgrund des Drucks des Publishers sofort entlassen und daher gibt es sowohl bei der Xbox One als auch PS4 und Wii U nur noch gähnend leere Schachteln zu kaufen. Über weite Strecken kann man sich natürlich selbst als Neuling auch so "Horizon 2" erschließen, aber beim Multiplayer hört es auf. So etwa ab dem zweiten, dritten Start von "Horizon 2" wird man in ein "Autotreffen" geworfen. "Du bist jetzt im Autotreffen", teilt mir die weibliche Stimme aus dem Off mit. Yeah, das ist jetzt wirklich, wirklich schwer erschöpfend, welche Funktion hat es denn?!?



(A) wählt jedenfalls kein Auto, sondern man guckt das Auto damit nur näher an. Mit (##) kann man tatsächlich das Fahrzeug wechseln, mit dem digitalen Steuerkreuz kann man (so wie überall im Spiel!!!) den Radiosender ändern und mit (RT) werden die anderen Spieler angezeigt, die auch gerade im "Autotreffen" gefangen sind. Einzig sinnige Option ist, mit (B) so schnell wie möglich Reißaus zu nehmen, bevor man vor Langeweile stirbt. Also nochmal zum Mitschreiben (bitte geschrien vorstellen): WORIN - LIEGT - DER - SINN?!?!?

Irgendwo anders im völlig überladenen Menü von "Horizon 2" geht es natürlich tatsächlich zu einem Multiplayermodus, der entfernt an Autorennen erinnert. Alzu hohe Ansprüche sollte man jedoch nicht haben, denn was Kollege Zufall nicht versaut, wird vom beknackten grundlegenden Konzept weggenietet. Punkt 1: Es wäre schön, wenn man auf ein paar mehr Mitspieler warten könnte. Punkt 2: Wer nicht dieses Gebolze in den jämmerlichen Querfeldeinrennen fahren will, sollte die Möglichkeit haben dies irgendwie hinzubekommen. Punkt 3: Es macht keinen Sinn, wenn Spieler mit der Einstellung ohne und mit Fahrzeugschaden zusammenspielen können. Also jedenfalls nicht für den mit Schaden...



Fazit:
Ich weiß jetzt, dass die Xbox One Version nicht wirklich so viel besser ist, wie alle tun... insbesondere der Jubel über die Grafik der meisten Kritiker hat mich ja annehmen lassen, dass ich hier 10 Punkte vergeben kann, aber selbst die Bilder aus dem Fotomodus sehen für diese Konsolengeneration manchmal mau aus. Punktabzug gibt es aber hauptsächlich, weil ich beim Querfeldeinfahren nichts sehen kann. Den größten Sprung macht eigentlich der Sound, der wieder mehr Optionen bietet als noch in "Forza 5", und bezüglich der Musik eine ganze Schippe an zusätzlicher Auswahl inkl. Klassik draufpackt.

Die Qual ist also nicht mehr ganz so groß wie vor knapp einem Jahr, aber das Hauptproblem ist bei beiden Versionen das gleiche: Die meisten Strecken sind sterbenslangweilig und kommen nicht mal annähernd an die Strecken aus Klassikern wie "Need for Speed: Brennender Asphalt" (1999) heran. Wer irgendwo wie ein Warzenschwein durch Weinberge brechen will, mag das vielleicht etwas anders sehen, aber ich schraube einfach lieber stundenlang rum auf der Suche nach dem perfekten Setup meiner Lieblingsautos, um irgendwo die halbe Sekunde pro Runde rauszuholen, als die Bestuhlung eines Restaurants am Straßenrand abzuräumen.



Da ist es dann am Ende ganz gut, dass auch diese Version nach 10 Stunden zur Seite gelegt werden kann - und wahrscheinlich nie wieder angefasst wird. Ich will hier eigentlich kein weiteres Mal auf Microsoft einschlagen, weil ich denke, dass die Jungs von Playground Games bei "Horizon 2" viel freiere Hand hatten als Turn 10 bei "Forza 5"... ABER wenn man im Vergleich zur PS4 soweit hinten liegt, dann darf man ein exklusives Spiel - völlig unabhängig von Genre und Größe - nicht in diesem halbgaren Zustand veröffentlichen.

In dieser Situation muss jedes exklusive Spiel strahlen wie ein Juwel, wie der hellste Stern am Nachthimmel. Die Qualität der Software verkauft Hardware. Das gilt für Konsolen in den ersten Jahren noch viel mehr als für den PC. Also los, Microsoft, kündige für Weihnachten 2016 oder spätestens 2017 eine neue Konsole an (hey, ich meine, Nintendo hat's doch wohl schon eingesehen) oder komm endlich mit mehreren Spielen um die Ecke, die ohne wenn und aber deutlich über 80 % einfahren.


Steuerung (15%):
Grafik (15%):
Balance (15%):
Handlung (15%):
Sound (10%):
Zugänglichkeit (10%):
Komplexität (10%):
Spieldauer (10%):