YOSHI'S
WOOLLY WORLD

Good-Feel

(26.06.2015)


Nachdem ich von "Donkey Kong Country: Tropical Freeze" (2014) auch nach Monaten noch schwärme und mit leichten Abstrichen auch vom Vorgänger "Donkey Kong Country Returns" (2010), brauchte ich nur einen Blick auf die Wolloptik von "Yoshi's Woolly World" zu werfen - und mir war klar: "Das muss ich sofort haben." Außerdem passte es gut, dass mein Sohn gerade auf dem Dinosaurier Trip ist, obwohl ich einräumen muss, dass ich weder optisch noch vom Verhalten so sehr viele Übereinstimmungen mit einem Dinosaurier feststellen konnte. Okay, Yoshi legt im weitesten Sinne Eier, aber das war's dann auch.

Yoshi war als Sidekick des hässlichen, kleinen Italieners in diversen Wii und Wii U Titeln der letzten Jahre zu sehen. Außerdem hatte er zwar zuletzt seine üblichen Auftritte in "Mario Kart 8" (2014) oder "Mario Party 10" (2015), war jedoch mit seinen eigenen Spielen wie "Yoshi's New Island" (2014), welches mich nicht so berauschte, nun schon seit 1997 lediglich auf den Nintendo Handhelds unterwegs. Für eine gewisse Spannung, ob es Yoshi in der Neuzeit und erstmals in HD rocken würde, war also gesorgt.



Wenn ich Dich erwische!

Die Yoshis stehen sich gerade wie jeden Samstagabend fröhlich in der Dorfmitte die Beine in den Bauch, da kommt Dauerlakai Kamek daher und zerlegt alles in Einzelteile, was bei Drei nicht auf dem Baum ist. Zum Glück hat sein Beutesack ein großes Loch, aus dem er viele Wollkneule während seiner Flucht sofort wieder verliert, und so machen sich die verbliebenen Yoshis auf, um die Kollegen wieder zusammenzusetzen und Kamek die restlichen Kneule abzujagen. Damit hat Nintendo bzw. Good-Feel dann die komplettte Geschichte abgehakt und kann zum Gameplay übergehen.

In herrlicher Stricklandschaft und bestem Wetter ziehe ich also los und stecke dem erstbesten Shy Guy meine Zunge tief in den Hals. Dann geht's noch einmal fröhlich in die Hocke und - PLOPP - schießt ein Wollkneul aus meinem Eierloch. Der Metabolismus von Yoshi sollte mal in einer Semesterarbeit untersucht werden - ebenso der Flatterflug, bei dem Yoshi so sauniedlich strampelt und dabei unglaubliche Distanzen und Höhen erreichen kann. Aber das muss warten, erstmal muss die aggressive Pflanze da vor mir einen Wollkneul an den Kopf bekommen...



Zuerst Ernüchterung!

Man braucht als Kenner von "New Island" nicht einmal das allererste Level von "Woolly World" komplett zu spielen, um sich sicher sein zu können, dass die wesentliche Spielmechaniken geradezu 1:1 aus dem 3DS Titel stammen werden, sprich: In einem side-scrolling Platformer hüpft man fröhlich Gegnern auf den Kopf oder wirft Ihnen Wollkneule an diesem und löst ab und zu einfache Rätsel, die im Wesentlichen mit der Wegfindung zusammenhängen. Geschick bzw. echte Skillerqualitäten sind verglichen mit etwa "New Super Mario Bros. U" (2012) nur sehr selten gefragt.

Das hat Vor- und Nachteile: Einerseits kann man von einer bewährten Spielmechanik reden, die nicht in irgendwelchen Bugs oder Nervgetötete verendet - und dies auch tatsächlich nicht ist. Andererseits muss man sich auf ein nahezu vollkommen überraschungsfreies Spielerlebnis einstellen, dass seine einzige Schwierigkeit daraus bezieht, dass man den Komplettisten in sich entdeckt - also beschließt alle Herzen, Stempelaufnäher, Wunderwolle und Grinseblumen aufsammeln, von denen letztere die einzig sinnvollen Items sind, weil die Blumen ein paar Bonuslevel freischalten.



Das spielerisch größte Plus von "Woolly World" gegenüber "New Island" besteht dann auch darin, dass man im Lauf des Einzelspieler-Abenteuers nicht lediglich kooperative Minispiele für zwei Spieler freischaltet, sondern von vornherein zu zweit spielen kann. Zwar behindert man sich gegenseitig regelmäßig mehr als das man sich hilft, aber das dadurch entstehende Chaos hat seine ganz eigene Komik und wird durch den Hund Schnuffel, der gerne zum unpassendsten Zeitpunkt im Weg steht, noch verstärkt.

Come on, Nintendo!

Überhaupt keine Komik verbreitet hin und wieder die Dreifachbelegung des Gamepads, insbesondere wenn einer der Spieler immer wieder durch eine Tür geht, obwohl er eigentlich nur die Zunge nach oben rausstrecken will. Weil nämlich auch wie üblich die Wii (U) Remote (Plus) zum Spielen genutzt werden kann, die ohnehin so gut in der Hand liegt wie ein lackierter Baustein, sind lediglich 4 der 8 möglichen Tasten belegt. Dass der Touchscreen überhaupt keine Funktion hat, wunderbar, aber erlaubt doch bitte ihn auszumachen, anstatt den Akku unnötig zu verbraten.



Außerdem muss es 2015 auch mal langsam bei einem Nintendo exklusivem Spiel möglich sein - auch wenn man seine Konsole bereits aufgegeben hat - ein Levelauswahlmenü wenigstens in der Nähe der technischen Höhe der Zeit zu stricken. Dieses Ein-, Aus- und Abgeblende, wenn sich das neueste freigeschaltete Level in einem Witz von einem grafischen Effekt entfaltet, ist einfach nur ULTRAPEINLICH. Und vielen Dank für die Dauerunschärfe, für alles was sich nicht genau im Zentrum befindet. Das ist total hilfreich und besonders schön anzusehen ist es auch noch - NOT!

Denn nur wo Bosskampf draufsteht, ist auch Bosskampf drin!

Wenn man jedoch auch einmal so ultrapeinliche Titel wie "Die Schlümpfe 2" (2013) gespielt hat, relativiert sich die Qualität von "Woolly World" rasch wieder, sprich: Wenn man einfach nur zu größtenteils guter Musik entspannt umherhüpfen will und auch keinerlei Story erwartet, dann passt das vor allen Dingen von der Abwechslung her schon. Was ich allerdings nicht nachvollziehen kann, sind die insgesamt 16 Bosskämpfe, die fast ausnahmslos aussehen, als hätte man sie nicht ursprünglich für 1280 x 720 Pixel sondern für die 400240 Pixel des 3DS designt.



Die Umgebungen während der Bosskämpfe sind anders als die restliche Umgebung regelmäßig unspektakulär, gefühlt so groß wie ein Wohnzimmer und die Attacken der Bosse, die man irgendwo alle schon einmal gesehen hat, sind bis auf ganz, ganz wenige Ausnahmen selbst für einen Fünfjährigen völlig vorhersehbar. Entsprechend lag jeder Boss beim ersten, allerspätestens beim zweiten Versuch. Das hat selbst "Super Mario 3D World" (2013) und das auf ähnlicher Enge agierende "Kirby's Return to Dream Land" (2011) etwas besser hinbekommen.

Fazit:
Am Ende muss es die Wolloptik praktisch im Alleingang richten - und komischerweise gelingt ihr das auch. Wenn man nach einiger Zeit akzeptiert, dass "Woolly World" wirklich mehr für die ganz Kleinen und die Partnerinnen der regelmäßigen Videospieler gestrickt ist, kann man den Farbrausch so richtig genießen. Überall wackeln lustige Gegner mit Topflappenoberfläche umher, Gegenstände können flux aufgeribbelt werden, was dann wie ein Stop Motion Film wirkt, und der Hintergrund sieht aus wie ein riesiger Vorhang oder ein bemaltes Bettlaken eines Kasperletheaters, was durch die Plattformen wie Wolken, die an Fäden von der Decke hängen, noch verstärkt wird.



Trotzdem möchte ich klarstellen: Die Wertung bezieht sich auf den Zweispielermodus. Im Einzelspielermodus wehrt sich das Spiel einfach zu wenig. Zu zweit geht einfach viel mehr schief und der Lachfaktor ist natürlich dann auch viel größer. Man schießt sich gegenseitig mit den Wollkneulen in Abgründe, isst den anderen gleich darauf versehentlich und wirft ihn wieder in den Abgrund...

Wer einfach nur Kamek bzw. Baby Bowser die Wollkneule wieder abjagen will, braucht zu zweit etwa 15 Stunden. Wer alle Grinseblunen sammelt und damit alle Bonuslevel freischaltet, ist potentiell noch einmal so lange unterwegs. Ich persönlich kann die meisten Level dreimal hintereinander spielen, ohne mich zu ärgern, anderen mag es anders ergehen.


Steuerung (15%):
Grafik (15%):
Balance (15%):
Handlung (15%):
Sound (10%):
Zugänglichkeit (10%):
Komplexität (10%):
Spieldauer (10%):