PROJECT CARS

Slightly Mad Studios

(07.05.2015)

auch veröffentlicht auf
PlayStation 4 und Xbox One


BÄMM!!! - *Salto Mortale* - KRONSCH!!! - Mein McLaren F1 liegt mit Totalschaden wie eine Schildkröte auf dem Rücken/Dach. Das wäre in einem Autorennspiel wie "Project CARS" (Community Assisted Racing Simulator) durchaus normal und nicht weiter schlimm, wenn dies nicht während der automatischen Ausfahrt aus der Boxengasse passiert wäre, weil die KI leider den Betonpfeiler rechts vom Boxentor unnötig hart geschnitten hat.

Sofort wurden wieder Erinnerungen an das brutal vergeigte "Need for Speed: SHIFT" (2009) bei mir wach, aber während dieses Spiel unter der Fuchtel von Electronic Arts im Schnellschussvefahren entstanden war, liegt die Verantwortung diesmal ganz allein bei den Slightly Mad Studios selbst, die "CARS" mit eigenen Mitteln und sog. Schwarmfinanzierung zusammen mit dem Schwarm entwickelt haben.



Ein Königreich für eine vernünftige Anleitung

Um einen Nachteil der Schwarmentwicklung zu entdecken, braucht es genau eine Minute: Das Spiel erschlägt einen mit Optionen. Nichts gegen viele Optionen, aber erschlagen muss halt nicht sein. "CARS" sollte ursprünglich schon 18 Monaten früher veröffentlicht werden und wer seit mehreren Jahren die verschiedenen Builds spielt, braucht vielleicht auch keine Erklärung mehr, was "Controller-Filtersensitivität" ist oder worin der Unterschied von "FXAA" im Vergleich zu "SMAA" Kantenglättung besteht.

Wer wie ich aber das Spiel jetzt zum Release einfach nur gekauft hat, hätte vielleicht nur gern eine halbwegs konsistente Bedienung, bei der es nicht mal mit (A) und mal mit (B) weitergeht. Dem steht evtl. nicht der Sinn danach, jeden Scheiß wahlweise erst einmal im Internet nachzulesen oder sich selbst per mühevollem Try & Error zu erschließen. Der möchte einfach nur sicherstellen, dass die Bilder pro Sekunde im spielbaren Bereich liegen, und das Eingabegerät seiner Wahl konfigurieren. Und dabei hätte jeweils ein kleiner Hinweis enorm geholfen, der locker in der scheiß leeren Fläche plaziert hätte werden können, die knapp 3/4 des Bildschirms einnimmt. Selbst "Auto Club Revolution" (2013) hat das besser hinbekommen - und das ist free-to-play.



It's not a bug, it's a feature

Je nach Glück vergehen bis zu mehrere Stunden, bis man sich erstmals ganz aufs Fahren konzentrieren kann. Wer solche exotische Hardware wie eine AMD Grafikkarte besitzt, muss sich derzeit mit sehr niedrigen FPS abfinden. Schon klar, keiner im Schwarm hatte eine AMD Grafikkarte verbaut, wie hätte das rechtzeitig auffallen sollen. Slightly Mad sagt, AMD ist schuld, weil die hatten doch 20 Keys von uns, die hätten doch mal unsere Hausaufgaben machen können.

Mein persönliches Pech ist das Force Feedback meines Xbox One Gamepads, welches dazu führt, dass das Spiel immer wieder mal in Zeitlupe läuft und mal mit Warp Speed. Irgendwer bei Slightly Mad war auf die brillante Idee gekommen, das Force Feedback schlappe 600 (!!!) Mal in der Sekunde auszuwerten und im schlimmsten Fall ähnlich oft Befehle an das Gamepad zu senden. So schnell rüttelt aber kein Gamepad dieser Welt und so kam es zum Befehlsstau. Mit Patch 1.3 sollte alles in Ordnung sein, aber das Problem tritt lediglich seltener auf, also muss Force Feedback aus bleiben. Ist halt auch zu exotisch so ein Xbox One Gamepad...



Erst drehen nur die Reifen durch, dann auch ich

Irgendwann stand das erste Qualifying an. Ein Blick auf die Anzeige und mir war klar, der Tank des Renault Clio ist randvoll, obwohl ich nur drei, vier Runden fahren will. Im Setup gibt es die Wahl zwischen automatisch befüllen, was selten klappt, oder manuell, was mal überhaupt keine Funktion hat, weil der Schieberegler sich nicht bewegen lässt. Well done!!! Auf den zweiten Blick entdeckt man dann, dass die Reifen im Qualifying eiskalt und nur schwer auf Temperatur zu bringen sind. Wenn ich im Rennen Reifen wechsel, sind die Reifen sofort kuschelig warm...

Nun gut, ich hatte nach der halben Zeit sowieso schon knapp die beste Runde auf dem Konto, wähle also "springen zur nächsten Session" und ZACK! legen auf einmal ein paar KI Fahrer um fünf (!!!) Sekunden bessere Rundenzeiten als der Rest hin. Aber es kommt noch besser: Nach ein paar Rennen fehlt einem anderen Auto auf einmal der dritte Gang bzw. der dritte Gang ist praktisch genauso groß wie der vierte. Der vierte, in diesem Auto höchste Gang ist nun viel zu klein und das Auto damit auf langen Geraden viel zu langsam. Rennen neu gestartet, keine Änderung. Programm neu gestartet, keine Änderung.



Und als ich dachte, jetzt kann es nicht mehr dicker kommen, zieht die nächste Dreckskarre, nachdem im freien Training noch alles in Ordnung war, im Qualifying direkt danach im völlig unbeschädigten Zustand auf einmal nach rechts. Qualifying neu gestartet, keine Änderung. Programm neu gestartet, keine Änderung. Im Rennen konnte ich wieder ganz normal geradeaus fahren, aber was nützt mir das vom letzten Startplatz aus noch? Also breche ich nach einer Runde das Rennen ab - und werde Erster. Ausgleichende Gerechtigkeit oder was?!?

Das nächste Auto, die selbe Scheiße! Der Ginetta G40 läuft im freien Training und im Qualifying noch perfekt, im Rennen sind alle Fahrhilfen und Gamepadeinstellungen auf einmal anders. In schnellen Kurven reicht schon der geringste Lenkeinschlag und das Auto wirft sich mit Wonne auf die Seite. Auch hier kann wie üblich keine Änderung durch Neustart des Rennens oder des kompletten Programms erreicht werden. Boah, ich will nur noch in die Tischkante beißen. Bugfixing bzw. Qualitätskontrolle sieht doch wohl anders aus, als der Scheiß den Slightly Mad sich hier gönnt.



Wenn's denn dann mal "normal" läuft...

Ungefähr die andere Hälfte der Rennwochenenden wurde ich von den ganz groben Bugs verschont. In dieser Zeit konnte ich dann ein ähnlich gutes und nachvollziehbares Fahrmodell wie in "GTR Evolution" (2008) genießen, mich mit fein abstimmbaren KI Gegnern balgen und, da in meinem Rechner eine GeForce Grafikkarte werkelt, die mir meist bekannten 30 Strecken (110 Layouts) in noch nie dagewesener Pracht mit etwas zu krampfhaft wechselhaftem Wetter bewundern. Damit ist dann aber auch praktisch alles erschöpft, was ich wirklich positives über "CARS" sagen kann.

Denn die Karriere präsentiert sich mit so ziemlich jedem Schwachsinn, den insbesondere Codemasters in den letzten Jahren schon in "F1 2010" (2010) oder auch "GRID 2" (2013) verbrochen hat. KI Gegner etwa lassen den vorgeschriebenen Boxenstopp gern mal sausen und gewinnen so das Rennen. Sobald das Auto in der Box zum Stehen kommt, erfahren Motorhaube und Frontscheibe eine Wunderheilung, während die Reifen zwar von Geisterhand aber regulär schnell gewechselt werden, denn die Boxencrew besteht aus nur einem Typen (front jack), der lausig animiert ist und sich auf manchen Strecken bei der Abfahrt vor das Auto wirft.



Der Boxenfunk ist wie üblich hirntot, lieblos und fordert gern unmögliches. Während des Qualifyings bin ich auf einer schnellen Runde, mit der ich übrigens die Pole Position geholt habe, da wird mir gemeldet, dass blaue Flaggen für mich geschwenkt werden, da ich die Führenden vorbeilassen soll. Oder ich soll den Windschatten nutzen, dabei gibt es in "CARS" gar keinen Windschatten, oder ich soll mich noch einmal richtig ins Zeug legen und in der letzten halben Runde sieben (!!!) Sekunden gut machen.

Insgesamt ist der Funker aber eher sporadisch bei der Arbeit und bewegt sich mehr so auf millionenfach bewährten Allgemeinplätzen für Spieler, die noch in die Windel scheißen. Wie etwa bei grüner Ampel startet das Rennen, vor Kurven bremsen und auf langen Geraden richtig Gas geben. Nur einmal lobte er laut und überschwenglich mein Überholmaneuver. Schade nur, dass der andere Fahrer gerade seinen Boxenstopp machte und mich der Jubelschrei daher so sehr irritiert hat, dass ich fast von der Strecke abgekommen wäre.



Wie wäre es mit einem Gespräch? Oder mit Emotionen?

Vielleicht kommuniziert man bei Slightly Mad nur per Email miteinander, so dass es für die Jungs realistisch ist, dass mein Renningenieur und der Rest der Welt es mit mir vor und nach den Rennen genauso hält. Soll vermutlich stimmungsvoll sein, immer wieder den gleichen Quatsch zu lesen, ist in meinen Augen aber nur Ausdruck von Hilflosigkeit. Genau wie das Video mit dem Pokal auf dem Holzfußboden, das es zu sehen gibt, wenn man die erste Meisterschaft gewinnt. SCHMERZEN!!! Da passt es dann auch, dass als perfekter Antiklimax das erste Auto der Karriere schnell auf 200 km/h beschleunigt und das zweite langsam auf 180 km/h.

Seit zehn Jahren bettel ich, dass man mal etwas mehr Energie und Hirn auf das Drumherum verwendet, sonst kann man es nämlich gleich ganz lassen. Aber Slightly Mad scheißt in "CARS" lediglich einen Kalender mit gequirlter Kacke zu. Welche Funktion soll der Kalender haben? Ist es irgendwie wichtig, ob heute Mittwoch oder Freitag ist? Mich nervt das Ding nicht schlecht, weil ich nicht frei wählen kann, welche Einladungen ich überspringe, und auf einmal Kart fahren muss, obwohl ich Kartfahren hasse. Genau das, sollte nicht der Fall sein, steht in allen Previews!!! Hat das auch wieder keiner jemals ernsthaft getestet?!?



Letzte Hoffnung Multiplayer

Der Multiplayermodus funktionierte erst einmal knapp eine Woche gar nicht. Alle Multiplayersitzungen waren angeblich voll oder nicht mehr verfügbar. Die Leute in den Foren sahen die Schuld bei Steam, aber mir ist das total Latte, wer am Ende Mist gebaut hat. Als es online dann endlich lief, stellte sich heraus, dass die Autos, die gegeneinander antreten, doch teils erhebliche Leistungsunterschiede aufweisen. Außerdem werden wichtige Angaben wie die zugelassenen Fahrhilfen zu spät angezeigt und die Strecke kann nachträglich geändert werden. Also rein in die Session, raus aus der Session, rein in die Session...

Sind die Nicklichkeiten vor dem Rennen überwunden, hängt es weniger vom Spiel und mehr von der eigenen Charakterstärke und der der anderen Fahrern ab, ob man tatsächlich ein Rennen oder Autoscooter fährt. Im Moment wird man noch regelmäßig zerbumst, aber das dürfte sich schnell legen, weil traditionell die ernsthafteren Fahrer in größerer Zahl länger dabeibleiben. Allerdings braucht auch der Multiplayer noch die eine oder andere Überarbeitung, da z. B. einige Spieler starten können, als wäre ihr Auto aus einer Kanone abgefeuert worden.



Fazit:
"CARS" ist meilenweit von dem Anspruch entfernt, den es jahrelang vor sich hergetragen hat. Statt Klasse setzt es vor allen Dingen auf Masse. Ich habe mir aber nicht einmal im Multiplayermodus die Mühe gemacht zu gucken, welche Strecken und welche Autos enthalten sind. Unterm Strich bietet "CARS" eine Schnittmenge der eigenen Vergangenheit: Den Realismus des damals großartigen "GTR 2" (2006) und die Grafikpracht eines wenig inspirierten "SHIFT 2 Unleashed" (2011).

Ich kann aber hingeschissene Karrieren, Menü- und Setupbildschirme wie die in "CARS" nicht mehr sehen - schon gar nicht gepaart mit einer solchen Fülle von teils haarsträubenden Bugs. Die Bugs sind es dann auch, die mich so sicher machen, dass ich mir "CARS" in drei Monaten oder einem halben Jahr noch einmal angucken muss, um zu einer finalen Wertung zu kommen. Die derzeitige Wertung bezieht sich auf Patch 1.3 Mitte Mai 2015.


Steuerung (15%):
Grafik (15%):
Balance (15%):
Handlung (15%):
Sound (10%):
Zugänglichkeit (10%):
Komplexität (10%):
Spieldauer (10%):


Minimale Konfiguration
des Herstellers:

640 x 480 x 32 und
minimale Details

Core 2 Quad Q8400 (2,66 GHz)
Radeon HD 5770
4 GB RAM
Windows Vista
Internet (Steam)

Empfohlene Konfiguration
des Herstellers:

Auflösung und
Details unbekannt

Core i7 3700 (3,5 GHz)
Radeon HD 7000 Reihe
8 GB RAM
Windows 7 64 (?)
Internet (Steam)