SUPER MARIO ODYSSEY

Nintendo Entertainment
Planning & Development

(27.10.2017)


Die kurze Version: Mein Sohn hatte Bowser in "Super Mario Odyssey" nach etwa acht Stunden Spielzeit besiegt. Nun sollte er über 100 weitere Power-Monde in den bereits bereisten Welten einsammeln, um ein weiteres Gebiet freizuschalten. Mein Sohn stutzte kurz und lehnte dankend ab. Als er die Switch einige Tage später erneut in die Hand nahm, startete er stattdessen wieder "Mario + Rabbids Kingdom Battle" (2017) - und noch ein paar Tage später "Super Mario 3D World" (2013) auf der Wii U. "Odyssey" hat er seit zwei Wochen nicht angerührt.

Die etwas längere Fassung: In "Super Mario 3D World" hatte Prinzessin Peach Glück und Bowser entführte mal ausnahmsweise nicht sie sondern ein Dutzend Feen. Doch ihr Glück hielt nicht lange an und so verschleppt Bowser diesmal wieder Peach - mit dem festen Vorsatz sie zu heiraten. Mario bleibt nichts anderes übrig, als Bowser und Peach durch 14 Königreiche hinterher zu reisen, wobei erschwerend hinzukommt, dass das ungewöhnliche Fluggerät Odyssey hierfür Treibstoff in Form von Power-Monden braucht - einer Menge Power-Monde.



Ich glaub, ich seh nicht richtig!

Spielerisch in erster Linie nach den Vorbildern "Super Mario 64" (1997) und "Super Mario Sunshine" (2002) gestrickt und mit dem Label Open World 3D Platformer versehen, steht nach dem Launchtitel "The Legend of Zelda: Breath of the Wild" (2017) mit "Odyssey" das nächste extrem wichtige Spiel für die Switch in den Regalen - dies ist jedenfalls mein Eindruck, denn selten hätte ich so viele Trailer und Filmchen vor dem Verkaufsstart sehen können, hat Nintendo schon so viel im Vorfeld von einem Spiel gezeigt.

Wie zu erwarten war, sieht jedes der Königreiche etwas anders aus. Wie nicht unbedingt nach dem gezeigten Material zu erwarten war, sehen die meisten Königreiche nicht berauschend aus. Technisch sieht "Super Mario Galaxy" (2007) auf einem Emulator in HD kaum schlechter aus als "Odyssey", aber das allein wäre noch nicht schlimm gewesen. Schlimm ist den gleichen leicht angestaubten Baukastenlook wie in "Super Mario 3D World" im Jahr 2017 erneut zu benutzen - und das auch noch in einem Spiel, in dem ich alle Zeit habe, mich umzusehen.



Alles beim Alten

Ja, es gibt vereinzelt Ausreißer nach oben, wenn die Levelstruktur organischer wie im Kaskadenland ist, aber insgesamt verschenkt "Odyssey" mit rechteckigen, nahezu einfarbigen Konstrukten (besonders in den versteckten Levelabschnitten), Detailarmut und Ödnis in fast allen Königreichen viel mehr als nötig gewesen wäre. Manche Königreiche wie das Schlemmerland sind sicherlich fünf Minuten lang optisch witzig aber schon nach 20 Minuten eine Strafe. Noch schlimmer sind die zum Glück nur eher seltenen 2D Abschnitte.

Mir ist schon klar, dass die Designer die 2D Abschnitte mit voller Absicht so hässlich gestaltet haben, damit irgendwelche Nintendo Opas einen Flaumensturz bekommen, weil Mario und alles andere so aussieht wie in den 80ern. Aber ich hätte es eben nicht schlecht gefunden, wenn man die Grafikqualität aus falsch verstandener Nostalgie nicht noch weiter absenkt. Nintendo hätte wenigstens die Optik von "New Super Mario Bros. Wii" (2009) auffahren können, was mit 30 Millionen verkaufter Exemplare zumindest unter den beiden wichtigen und lebenden Zielgruppen Switchbesitzer und potentielle Switchkäufer einen ähnlich hohen Bekanntheitsgrad haben muss.



Was macht Open World aus?

Schon allein die Bezeichnung Open World für "Odyssey" zu verwenden, bereitet mir - nun da ich es selbst gespielt habe - Bauchschmerzen, denn so furchtbar große Unterschiede sehe ich zwischen "Odyssey" und anderen 3D Mario Spielen nicht aber dafür riesige im Vergleich zum neuesten Zelda. Ja, in "Odyssey" gerate ich selten unter Zeitdruck, ja, der Weg ist nicht so streng wie sonst vorgegeben und etwas größer sind die Level im Schnitt auch. Wenn das allein vor 15 Jahren für das Label Open World ausgereicht hat, okay, aber heutzutage sehe ich den Maßstab bei einem System mit drei Gigabyte nutzbaren RAM woanders.

Für die Goldmünzen, die überall herumliegen, kann ich mir neben einem Power-Mond je Königreich und einem Herz zum Auffüllen der Lebensenergie nur optischen Schnickschnack kaufen, so dass ich irgendwann mehr davon liegenlasse als ich aufsammle. Und für die Münzen, die in jedem Abschnitt einmalig sind, gibt es von vornherein nur Schnickschnack. So ein Bisschen kommt bei mir der Eindruck auf, dass ich hier lediglich entdecke, dass es außer verstreuten Power-Monden wenig zu entdecken gibt. Die wichtigen Gegner liegen ohnehin auf dem Weg und werden mir ganz oft schon während des Landens beim Levelstart gezeigt.



Kinderleicht

Was mich dabei besonders anfrisst, ist die durchgehende Niveaulosigkeit! Über 95 % des Terrain stellt niemanden vor eine Herausforderung, obwohl die Steuerung der Spielfigur nicht perfekt - nämlich zu digital - ist. Das Spiel erklärt in der eingebauten Anleitung zahlreiche Moves, die ich dreimal bis gar nicht im Spiel brauche. Ich werfe Cappy (meine lebende Mütze) auf alles und übernehme im Zweifelsfall eine der anwesenden Kreaturen, die immer - ganz zufällig - die Fähigkeit besitzt, die ich gerade verdammt gut gebrauchen kann. Die 19 regulären Bosskämpfe sind alle kinderleicht. Es war selbst für einen 7jährigen nicht besonders schwer, fast alle bereits im ersten Versuch zu gewinnen.

Zwölf der Kämpfe darf ich doppelt bestreiten - zehn davon gegen fünf nichtssagende große Hasen genannt Broodals, bei denen ich mich frage, warum sie überhaupt darauf warten, von mir aufs Maul zu bekommen. Wären sie einfach in den Urlaub gefahren, hätte ich mit deutlich weniger Power-Monden dagestanden. Habe ich das reguläre Spiel abgeschlossen, fällt den Machern von "Odyssey" nicht viel mehr ein, als den Komplettisten in mir zu ködern. Neue Monde werden verstreut und ich darf dann im Wesentlichen noch einmal durch die 14 Königreiche toben. Ja, es gibt auch immer wieder versteckte Levelabschnitte, aber die sind zwar etwas schwerer aber nicht gerade hübscher als das restliche Spiel.



Fazit:
In "Super Mario 3D World" steppte regelmäßig der Bär und nur ab und zu wurde zum Kontrast das Tempo herausgenommen. Hier laufe ich zu oft durch uninteressante Landschaften, in denen es ein Leichtes ist, nicht abzustürzen oder sich nicht an den schon fast spärlich auftauchenden Gegnern zu verletzen. Auch die neue lebende Mütze Cappy ist nicht mehr viel mehr als der Drehkick aus "Super Mario Galaxy" und die Verwandlungen, die Mario schon seit Urzeiten drauf hat. Konsequent gelöst, da gibt es keine zwei Meinungen, aber da Mario nun nur noch ganz selten in den "Nahkampf" muss, wird das Spiel noch leichter als es ohnehin schon wäre.

Ich habe ein Video gesehen, in dem jemand in einer 17 Stunden Marathonsitzung alles tut, was man in "Odyssey" tun kann. Die Hälfte davon würde ich nur für eine Stange Geld tun, so grindig und unbefriedigend sind die Aufgaben. Dass Nintendo auch viele Sachen - so wie immer - richtig macht, ist gar keine Frage (z. B. die Benutzerführung ist super). Nur hat das im Ergebnis bei der völlig sinnentleerten Geschichte nicht gereicht, um mich nicht zu fragen: "Was mache ich hier eigentlich und wofür?" Scheiß auf die Fabelwertungen!!! Nach nicht einmal der Hälfte habe ich nicht weitergespielt und mir "Super Lucky’s Tale" (2017) für die Xbox One gekauft. Mal sehen, ob ich damit noch mehr in die Scheiße gegriffen habe...


Steuerung (15%):
Grafik (15%):
Balance (15%):
Handlung (15%):
Sound (10%):
Zugänglichkeit (10%):
Komplexität (10%):
Spieldauer (10%):