DISGAEA 5
Complete

Nippon Ichi Software

(26.05.2017)

auch veröffentlicht auf PlayStation 4


Yeah, eine Festplatte für die eigenen Daten einzubauen, die schon mal Probleme gemacht hat, war so ziemlich die schlechteste Idee des Jahrzehnts. Es hat nicht lange gedauert, bis ich Angst haben musste, das Ding würde ganz verrecken. Hat dann am Ende neben etwas Geld, Zeit und viel Nerven auch der halbfertigen "Gears of War 4" (2016) Kritik das Leben gekostet. War vielleicht aber auch nicht schlecht, weil weder das Spiel noch was ich dazu so viele Monate nach dem Release zu sagen gehabt hätte, besonders signifikant war.

Also kommen wir nun zu "Disgaea 5: Alliance of Vengeance", das ursprünglich schon 2015 für die PlayStation 4 veröffentlicht wurde, und nun Ende Mai 2017 unter dem Titel "Disgaea 5 Complete" inkl. aller DLCs für Nintendos Switch erneut auf den Markt kam. Da mit "Disgaea: Hour of Darkness" (2007, PSP), "Disgaea 2: Cursed Memories" (2010, PSP), "Disgaea 3: Absence of Justice" (2012, PS Vita) und "Disgaea 4: A Promise Unforgotten" (2014, PS Vita) alle Vorgänger auch für die Sony Handhelds umgesetzt wurden, war zu erwarten, dass das Spiel anders als "The Legend of Zelda: Breath of the Wild" (2017) nicht nur auf dem Fernseher sondern auch im Handheld Modus eine gute Figur macht - und so war es dann auch, denn ich habe am Ende die Hälfte meiner Spielzeit den Fernseher aus gelassen.



Ich hau Dir super auf die Fresse!

Im Kern geht es bei "Disgaea 5" darum, eine schlagkräftige Truppe zusammenzustellen und anschließend die Gegner in taktischen Rundenkämpfen vom isometrischen und nicht gerade optisch fein ausgearbeiteten Schlachtfeld zu fegen. Ganz klassisch werden dabei zunächst verschiedene Schadensarten unterschieden, vier magische wie etwa Feuer und Eis und acht physikalische wie Schwerter, Speere oder auch Schusswaffen, und die Figuren verfügen über typische Werte wie etwa Angriff und Verteidigung. Und natürlich darf auch eine Ressource, mit der sich besonders mächtige Zauber oder Spezialattacken auslösen lassen, nicht fehlen. Hier unterscheidet sich "Disgaea 5" bzw. die ganze Serie erstmals deutlich von realistischeren Spielen wie etwa "XCOM 2" (2016), denn die Angriffe bestehen schon zu Anfang aus Schlägen auf den Kopf des Gegners - mit dem eigenen Teamkameraden.

Im weiteren Spielfortschritt wird dann auch mit Elefanten großen Fäusten um sich geschlagen, der Gegner per Poledance verwirrt (inkl. Bildstörung, wenn die Hüllen fallen) oder mal zehn Sekunden irgendwo im Spezialeffektgewitter rumgeflogen und anschließend mit Kometen oder ähnlichem geworfen. Die Designer scheinen da keine Grenzen zu kennen und es kommt immer wieder vor, dass ein neuer Angriff einen zum Schmunzeln bringt. Auch abseits des Schlachtfelds - sprich in der eigenen Basis - geht es bei "Disgaea 5" richtig ab. Neben Sachen, die ich so auch erwartet habe - wie Händler für Gegenstände oder eine Möglichkeit weitere Kämpfer zu rekrutieren - gibt es die Möglichkeit fast alles optional durch den Fleischwolf zu drehen. So kann man etwa einer Art Parlament vorschlagen, dass es die nächsten drei Aufträge doppelte Erfahrungspunkte gibt - und wenn es trotz einiger gut gemeinter Bestechungsversuchen immer noch nicht mehrheitlich zustimmen will, dann prügelt man sich halt...



Das Spiel liegt da auf dem Küchentisch!

Obwohl sich "Disgaea 5" genügend Zeit nimmt die verschiedenen Funktionen erst nach und nach einzuführen und zu erklären, war es unheimlich schwer für jemanden wie mich, der lediglich mal in den allerersten Teil auf der PSP reingeschnuppert hatte, sich das Spiel im vollem Umfang zu erschließen. Natürlich hätte ich die Switch die ersten 40 Spielstunden alle drei Stunden zur Seite legen können und eine Stunde im Internet nachlesen können, wie ich aus welchem Charakter möglichst schnell ein Kampfschwein mache, aber ehrlich gesagt, lehne ich diese Art des Lernens heute immer noch genauso wie schon vor 20 Jahren ab. Ja, das Spiel hat ein Nachschlagewerk, und ja, das ist nicht mal schlecht gemacht, aber es erklärt nicht wirklich die Zusammenhänge, die meinetwegen zwischen meiner Bewaffnung und meinen Werten bestehen.

Da hilft es dann wenig, dass die Balance bereits zwischen den sechs Hauptfiguren reichlich unausgegoren ist. Am oberen Ende schlägt Red Magnus alles zu Brei, ohne dass ich etwas dafür tun musste, und am anderen Ende wusste ich auch gegen Ende des Spiels mit Christo und Zeroken wenig anzufangen. Noch schräger wird es aber, wenn ich die Charaktere ganz frei wähle, denn anders als in anderen Spielen, muss ich die handelnden Figuren nicht zwingend auch im Kampf nutzen. Die reine Heilerklasse kann eine passive Fähigkeit genannt "Healing Hands" wählen, die 200 % Erfahrungspunkte gibt. Wenn die anderen Figuren Charakterlevel 50 erreichen, ist der Heiler also schon bei Level 75. Hat aber trotzdem nichts genützt, als aus dem Nichts ein Boss mit Level 1187 aufgetaucht ist...



Ich hau Dir super auf die Augen!

Wer "Disgaea 5" mal ausprobieren möchte, sollte sich aber auch einer Sache bewusst sein: Spiele dieser Art kann man sich 2017 nur noch bedingt schön saufen. Die Spritegrafik hat durchaus ihren Retroscharm, ist aber nicht nur technisch sondern auch vom Fleißfaktor tatsächlich auf Handheldniveau unterwegs. In Gesprächen auf dem normalen Spielfeld etwa spulen die Sprites immer wieder die gleichen unbeholfenen Bewegungen ab oder werden in der anderen Ansicht wie in einem Comicstrip zwar detailliert gezeigt, aber verfügen dann über noch weniger Animationen als etwa die Charaktere in den aktuellen Skits von "Tales of Berseria" (2017). Wer gerade spricht, erkennt man lediglich daran, dass alle anderen abgedunkelt sind, auf Gestik und Mimik braucht man nicht groß zu hoffen...

Die Umgebungsgrafik will vor allen Dingen lesbar sein, was isoliert betrachtet total lobenswert ist, aber erstens nicht wirklich immer gelingt und zweitens zu oft Umgebungen produziert, die irgendwo zwischen "StarCraft" (1998) und "Warcraft III" (2002) liegen. Sprites wiederum sind traditionell wenig empfänglich für Physik und Beleuchtung, was mal eben die beiden Eckpfeiler moderner Computergrafik sind, und so füllen die Effekte der dicksten Schläge zwar den ganzen Bildschirm, aber was mit dem "übermalten" Gegner passiert, ist dann meist gar nicht mehr ersichtlich. Ist den Designern wohl auch aufgefallen und daher gibt es auch viele Angriffe, bei denen der Gegner gut sichtbar hoch in die Luft fliegt, während er sich um seinen Bauchnabel dreht, um dann mit Schmackes wieder aufs Spielfeld zu knallen.



Und auf die Ohren!

Die Musik ist zum überwiegenden Teil schlecht aber vor allen Dingen deplatziert in einem rundenbasierten Spiel. Ich würde mit den meisten Stücken jedenfalls blutige Ritualdolche und zugedrogte gefesselte Teenager verbinden und nicht das Grübeln über den nächsten Zug. Ich wollte die Musik sehr früh ausmachen und auch für immer auslassen, aber mein Sohn war der Meinung, das gehört sich nicht. Glücklicherweise machen die englischen Sprecher ihren Job eine ganze Ecke besser, aber ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass viele Dialoge besser nicht 1:1 vom Japanischen ins Englische hätten übertragen werden sollen. Insbesondere nicht die, in denen die Gesprächspartner gar keine vollständigen Sätze sagen, sondern sich nur gegenseitig bis zu sechs Namen aufzählen.

Der Geschichte rund um den Eroberungsfeldzug von Lord Void Dark, deren Handlungsverlauf man in keiner Weise beeinflussen kann, schadet dies zum Glück nicht. Im ersten Viertel des Spiels sieht es zwar erst einmal so aus, als wenn es fast ausschließlich darum ginge, zur Auflockerung für ein paar Lacher zwischen den Missionen zu sorgen, aber dann tauchen Usalia und Majorita auf. Majorita ist eine Kriegswaise, die sich zum General des Bösewichts hochgedient und unter anderem Usalias Eltern getötet hat. Es wäre sicherlich übertrieben in diesem Zusammenhang von düster zu reden, aber zumindest würde ich ab diesen Zeitpunkt nicht mehr behaupten, dass die Geschichte noch besonders kindgerecht ist. Die sechs sehr unterschiedlichen Hauptcharaktere müssen sich gegenseitig ihre Loyalität beweisen und den Dämonen ihrer Vergangenheit stellen, um den Kopf für die finale Schlacht frei zu haben.



Fazit:
Am Ende sind es nicht die manchmal unglückliche Kameraperspektive, die veraltete Grafik oder auch die üble Mucke, sondern die vielen optionalen Möglichkeiten entscheiden über Wohl und Wehe. Auf der einen Seite die Spieler, die bereit sind, sich auch mal durch ein paar eher schlecht dokumentierte Features durchzubeißen und dann mit "Disgaea 5" locker 100 Stunden glücklich werden. Und auf der anderen Seite die Spieler, die sich einfach nur an die Hauptgeschichte halten und nach nicht einmal 20 Stunden hinschmeißen, weil das Spiel in erster Linie viel zu schwer wird. Ich mache der zweiten Gruppe da echt keine Vorwürfe, denn erst als ich bereit war, ordentlich Stunden in das Spiel zu versenken und etwas tiefer auch in die ungewöhnlicheren Aspekte des Charakter- und Ausrüstungssystems einzusteigen, wurde "Disgaea 5" richtig gut.

Ich kann mich z. B. jetzt spontan nicht an ein einziges anderes Spiel erinnern, indem ich einzelne Ausrüstungsgegenstände verbessere, indem ich Karte nach Karte grinde. Das ist isoliert betrachtet zwar erst einmal ziemlich stumpf, gerade weil es unterwegs nichts zu bestaunen gibt, aber wenn ich will, kann ich mir so eine Waffe erarbeiten, wie ich sie erst in 20 Stunden auf normalen Wege im Laden erhalten würde. Ansonsten hat mich wirklich überrascht, dass die Story in der Lage war so zuzulegen. Was zu Anfang noch wie völlig belangloser Klamauk daherkam, wurde eine Geschichte mit ernstem Hintergrund und verletzlichen Charakteren, die mir sehr ans Herz gewachsen sind. Bin nun drauf und dran, mich spätestens im November an einen der Vorgänger zu setzen, da meine größte Hoffnung für 2017 "Ni No Kuni 2: Revenant Kingdom" gerade auf den 19.01.2018 verschoben wurde...


Steuerung (15%):
Grafik (15%):
Balance (15%):
Handlung (15%):
Sound (10%):
Zugänglichkeit (10%):
Komplexität (10%):
Spieldauer (10%):