THE WITCHER 3
Wild Hunt
EXPANSION PASS

CD Projekt RED

Hearts of Stone
(13.10.2015)

Blood and Wine
(31.05.2016)

auch veröffentlicht auf
PlayStation 4 und Xbox One


Als CD Projekt RED bereits am 7. April 2015 sechs Wochen vor dem Release von "The Witcher 3: Wild Hunt" (2015) ankündigten, dass es zwei kostenpflichtige DLCs geben würde, war das eigentlich ein kleiner Imageschaden für die Polen und lief ihrer Aktion entgegen, mit den 16 kostenlosen DLCs regelmäßig in die Presse zu kommen. Aber das Geld war am Ende durch die zweite Verschiebung so knapp geworden, dass man Imageschaden hin oder her schon jetzt versuchen musste, noch kurzfristig von den Fans eine größere Menge Geld einzusammeln, wollte man sich das Geld nicht stattdessen mit Zinsen bei der Bank leihen.

Ich hatte bereits am 12.06.2014 für "Wild Hunt" bezahlt und auch wenn das Spiel kurz vor der Veröffentlichung bei diversen Präsentationen einen guten Eindruck machte, so wollte ich doch nicht für einen von mir wenig geliebten (Untertreibung des Jahres) Season Pass noch einmal 24,99 € hinlegen, wenn ich das Hauptspiel noch gar nicht selbst gespielt hatte. Da konnten sie das Ding noch so kreativ mit Expansion Pass betiteln und beschwören, dass es sich um Add Ons alter Schule handeln würde, meine Brieftasche blieb damals zu.



Hearts of Stone

Schon früh war bekannt, dass die erste Erweiterung im wesentlichen aus einer großen Questreihe in der bereits bekannten Welt besteht und gut zehn Stunden Umfang hat. Für mich stand vor allen Dingen die Frage im Raum, ob ein paar Stunden mehr bei einem fast perfekten Hauptspiel mit wahlweise 100 Stunden Spieldauer überhaupt Sinn machen. Doch CD Projekt RED wären für mich eben nicht der Entwickler der Stunde, wenn sie nicht den richtigen Ansatz gefunden hätten, indem "Hearts of Stone" den Open World Aspekt etwas zurückfährt und sehr cineastisch ist, ohne auf knackige Kämpfe mit teils neuen Gegnern zu verzichten.

Mit Spielcharakter Geralt erlebt man in den zehn Stunden so viele Sachen, die es so nicht im Hauptspiel gab, dass einem die Ohren schlackern. Im Produkttext auf GOG heißt es: "Geralt wird vom Spiegelhändler (so heißt der nun mal auf Deutsch) angeheuert und erhält den Auftrag, Olgierd von Everec zu besiegen - einen ruchloser Banditenhauptmann, der die Macht der Unsterblichkeit empfangen hat." Das trifft es jetzt nicht im Detail, aber so spoiler ich wenigstens nicht so viel.



Zum ersten, zum zweiten und zum dritten

Ich besuchte etwa ein Auktionshaus der Highsociety, nur um später dann zu versuchen, in eben jenes Auktionshaus einzudringen und in den Tresorraum zu gelangen. Hierfür gilt es eine Bande Einbruchskünstler zusammenzustellen, von denen z. B. sich einer gerade viel lieber selbst als den Safe in die Luft sprengen würde, und später - also das liegt jetzt vielleicht auch daran, dass ich mich bei dem Bruch nicht so super geschickt angestellt habe und alles irgendwie total aus dem Ruder lief - als Geiselnehmer mit dem Diensthabenden über das Fluchtfahrzeug zu verhandeln.

Außerdem bin ich besessen vom toten Bruder Olgierds auf einer Hochzeit aufgetaucht und hatte die ganze Zeit Schiss, dass meine Chancen durch mein seltsam großkotziges Benehmen bei Shani schwinden - richtig, dass ist die aus "The Witcher" (2007). Und als es eigentlich nicht mehr cooler werden konnte, bin ich in die traurige Vergangenheit des Ehepaars von Everec gereist, indem ich ein Ölgemälde betreten habe, was mal eben den gesamten Grafikstil komplett durch den Wolf dreht. Der Wahnsinn!!!



Unter der Haube

Obwohl ich zuerst annahm, dass ich mich auf bekannten Terrain bewegen würde, bekam ich also eine ganze Menge wunderschön gestalteter, neuer Umgebungen und Charaktere zu sehen. Aber damit nicht genug: Zusätzlich zu den erwarteten Zugaben wie mehr Schwerter, Rüstungen und Gwintkarten findet man irgendwann, nachdem man unangenehme Bekanntschaft mit Drogenhändlern gemacht hat, einen Bauplan in einer gänzlich fremden Sprache. Und dieser Bauplan führt einen dann unter anderem zu einem Runenschmied aus dem Volk der Ophiri.

Würde der Herr nur irgendwelche Runen zusammenklöppeln, wäre das ziemlich langweilig, aber wer dem Schmied beim Aufbau seines Geschäftes hilft - also bereit ist sich von einem ganzen Patzen Geld zu trennen - der erhält ähnlich wie damals in der seligen Erweiterung "Diablo II: Lord of Destruction" (2001) die Möglichkeit, Waffen und Rüstungen mit drei Sockeln mit Runenwörtern zu versehen, mit denen sich Effekte (z. B. Boni von Rüstungsschmiedetischen und Schleifsteinen sind dauerhaft) auslösen lassen, die es so nirgendwo anders im Spiel gibt.



Blood and Wine

In der zweiten Erweiterung entführt es einen dann zum Abschluss der Serie, immerhin soll dies Geralts letzter großer Auftrag sein, in das vollständig neue Gebiet Toussaint, einem "Land des Sommers, einem vom Krieg unberührtem abgelegenem Tal." Am Ende des Klappentextes heißt es wage: "Blood and Wine verspricht über 20 Stunden Abenteuer, in dem Schönheit auf Horror trifft und Liebe Hand in Hand mit Täschung geht." Wichtig ist auch nur: Wer Komplettist ist, also auch das Gwintturnier durchspielt, hat in "Blood and Wine" tatsächlich gut 35 Stunden zu tun. Wer jedoch das Hauptspiel in etwa 60 Stunden durchgespielt hat, wird vermutlich nach lediglich 20 Stunden den Abspann zu sehen bekommen.

Aber egal welcher Spielertyp man auch ist, man wird bis dahin verdammt gut unterhalten, denn auch wenn es mir persönlich in den Nebenquests etwas zu oft um Wein ging, die Hauptquest hält das Niveau aus "Hearts of Stone", das Ritterturnier ist eine einzige Freude und besonders der etwa 75 Minuten währende Ausflug ins Märchenland ist optisch wie auch inhaltlich einer der schrägsten Momente der Witcher Serie überhaupt. Oder kann es etwas geileres geben, als wenn man sich nach Anwendung des Aard Zeichens mit den drei kleinen Schweinen schlägt oder angegriffen wird, weil man vom Brei gekostet hat?



Unerwartet

Neben vielen Sachen, die ich so oder doch zumindest ganz ähnlich in dem traditionelleren zweiten Add On erwartet hatte, stechen für mich vor allen Dingen zwei heraus: Zum einen baut CD Projekt RED tatsächlich so etwas wie Housing ein, denn Geralt soll sich ja irgendwann endlich zur Ruhe setzen und als Vorschuss erhält er daher von der Herzogin sein eigenes Weingut - gut, das Ding ist jetzt nicht im 1a Zustand und der vorherige Besitzer ist unter nicht so ganz schönen Umständen verstorben, aber wenn solche Geschichten irgendjemanden nichts ausmachen dann doch wohl einem Witcher.

Natürlich kümmere ich mich nicht wirklich um den Weinanbau (oder war ich nur zu doof dafür?) sondern um alles andere, wie etwa dass der Kräutergarten oder das Alchemielabor im Keller wieder hergerichtet wird und das ein paar vernünftige Bilder (am besten von mir) an der Wand hängen und ordentlich Pokale auf dem Sideboard stehen. Abhängig davon, was man im Hauptspiel so getan, gelassen und beschlafen hat, erhält man außerdem Besuch, was jetzt nichts weltbewegendes ist, aber die Spielwelt ein weiteres Mal in der richtigen Art und Weise abrundet.



Erweitertes Charaktersystem

Noch überraschender war für mich allerdings, dass so kurz vor Schluss - nach etwa 85 % der Gesamtspielzeit wenn man "Wild Hunt" und erste Erweiterung zu Grunde legt - noch einmal am Charaktersystem gedreht wurde. Es hätte sicherlich auch gereicht, wenn es anstatt der lediglich zwölf aktiven Fähigkeiten aufgrund des höheren Charakterlevels nun 16 gegeben hätte, aber zusätzlich baut CD Projekt RED mit den Mutationen noch einmal eine Möglichkeit ein, extreme Effekte bzw. Schadensspitzen in bestimmten Kampfsituationen zu erreichen, wenn man bereit ist, den Gegner genau zu studieren.

Wer sich so spät nicht mehr tiefgehend mit Neuerungen beschäftigen möchte, braucht jetzt aber auch nicht in Wut zu verfallen, denn auf den ersten beiden Schwierigkeitsstufen macht man nicht viel falsch, wenn man die erste Mutation entsprechend der Farbe der meisten aktiven Fähigkeiten wählt und ansonsten das Feature komplett ignoriert. Wer es jedoch knackiger mag und spielt, kann hier noch einmal seine Überlebenschancen verbessern. Mein Tipp: Wer beide Erweiterungen hat und der Handlung nicht ganz so strikt folgen will, spielt zunächst die Mutationen in der zweiten Erweiterung frei.



Patch 1.2x

Sowohl "Wild Hunt" als auch die Erweiterungen profitieren enorm von den Änderungen des zusammen mit "Blood and Wine" veröffentlichten Patch, der neben dem üblichen Bugfixing (ja, bei einem Spiel dieser Größe wird auch nach einem Jahr noch gefixt) mal eben 27 wirklich gute Änderungen am Interface vornimmt. Für die Gwintspieler (und die, die es vielleicht doch noch werden wollen) gibt es nun einen Ingame Guide, den man bereits im Startgebiet erwerben kann oder später in Novigrad. Der Guide weist z. B. auf fehlende Karten hin und wo man diese erwerben könnte.

Alle Änderungen aufzuzählen würde jetzt etwas ausufern, aber absolutes Highlight neben der verbesserten Bedienung der Weltkarte ist für mich das viel aufgeräumtere Inventar mit besser lesbaren Icons, das jetzt etwa für Waffen, Rüstungen, Waffenöle, Tränke, Bomben, Alchemie usw. eigene Untergruppen hat, durch die sich rasch navigieren und gesuchtes schnell finden lässt. Und wenn ich mir bei einem Schmied etwas bauen lasse, kann ich nun direkt aus dem Craftingbildschirm fehlende Komponenten kaufen - natürlich nur sofern dieser Handwerker die Waren auch vorrätig hat.



Fazit:
Genau wie das Hauptspiel bietet sowohl "Hearts of Stone" als auch "Blood and Wine" die Möglichkeit sich bei vielen Dingen grundlegend anders zu entscheiden, so dass sich die Tage vermutlich noch ein zweiter Durchlauf mit meinem "das lief jetzt nicht so gut" Komplettisten Geralt anschließen wird. Trotzdem kann ich schon jetzt sagen, dass es derzeit kein anderes Vollpreisspiel gibt, das besser wäre als die beiden Erweiterungen für zusammen 25 . Viele Spiele kommen ja nicht einmal auf die etwa 35 Stunden Spielzeit, die hier geboten wird.

Natürlich ist der Aufwand für die Erweiterungen bei CD Projekt RED geringer als für das Hauptspiel ausgefallen, das grundsätzliche technische und spielmechanische Fundament war ja bereits gelegt, und daher muss auch niemand so tun, als wenn die Erweiterungen jetzt praktisch verschenkt würden. Verglichen mit anderen Erweiterungen moderner Spiele ist der Aufwand jedoch in jeder Hinsicht immens und geht weit über das hinaus, was etwa zuletzt mal wieder "Assassin's Creed Syndicate" (2015) mit seinem 30 Seasons Pass mit fünf Stunden Spieldauer so zu bieten hatte - jedenfalls den YouTube Videos nach zu urteilen, die ich zu den Inhalten finden konnte. Wer "Wild Hunt" mochte, kann mit dem Kauf des Expansion Pass nichts falsch machen.


Steuerung (15%):
Grafik (15%):
Balance (15%):
Handlung (15%):
Sound (10%):
Zugänglichkeit (10%):
Komplexität (10%):
Spieldauer (10%):