FORZA
MOTORSPORT
6

Turn 10

(18.09.2015)


Diesmal ahnte ich ja schon, was mich erwartete. Diesmal habe ich gleich auf die Uhr geguckt. Zwar sagte die Installationsroutine bereits nach fünf Minuten, dass ich mit dem Spielen anfangen könnte, aber neben Zweifeln, ob das wirklich zu einem unbeeinträchtigten Spielerlebnis führt, wollte ich wissen, was Sache ist. Um knapp 46 GB auf die interne Festplatte zu installieren, brauchte die Xbox One über 65 Minuten. Das entspricht so in etwa 12,5 MB in der Sekunde, was wiederum etwas weniger als 3facher Blu Ray Geschwindigkeit entspricht, obwohl nach meiner Information ein 6fach Laufwerk verbaut sein soll.

Da reizt es einen jetzt schon, mal eine USB 3 Festplatte anzuklemmen und zu gucken, ob die interne Festplatte bei der Schreibgeschwindigkeit so megalahmarschig ist oder ob das mit dem 6fach Blu Ray Laufwerk ins Reich der Mythen gehört, aber ich hebe mir den Spaß dann besser für das nächste Xbox One Spiel auf.



Vergiss Teil 5 - schnell!!!

"Forza 4" (2011) fand ich damals so genial und "Forza 5" (2013) in seiner Rolle als schnell hingeschissenen Launchtitel inkl. kranker Microtransaction so unnötig zwiespältig, dass ich trotz aller berechtigter Hoffnung auch einen Restzweifel hatte, als ich "Forza 6" startete. Doch dieser Zweifel war nach nur wenigen Minuten wie weggewischt. Die brandneue Fantasiestrecke in Rio de Janeiro ist Gott und schlägt sowohl optisch als auch vom Anspruch in zwei der fünf Layouts mit Abstand alles, was jemals als Rennstrecke in einem Videospiel zu sehen war.

Und spätestens wenn man nach ein paar Einführungsrunden die vollständige Kontrolle über das Spiel erhält und "Forza 6" an seine eigenen Vorlieben angepassen kann, ist bereits sonnenklar: Das hier ist das beste Forza aller Zeiten. Neben einigen Neuerungen wie den Nacht- und Regenrennen ist fast jedes Detail der bisherigen Spiele auf den Prüfstand gewandert und verbessert bzw. sinnvoller zusammengefügt worden. Manche Patzer aus "Forza 5" waren natürlich einfach durch etwas Fleiß zu beheben und so wundert es nicht wirklich, dass nun wieder respektable 26 anstatt nur 18 Austragungsorten (neu dabei Monza, Brands Hatch, Circuit of the Americas, Daytona, Hockenheim, Lime Rock Park, Rio und Watkins Glen) und 460 anstatt lumpiger 200 Autos zur Auswahl stehen.



Das volle Paket!

Eigentlich weiß ich vor Begeisterung gar nicht, wo ich anfangen soll, also versuche ich es mal halbwegs chronologisch. Recht fällt schnell ins Auge, dass die Karriere endlich wieder wie in Teil 2 eine richtig runde Sache geworden ist. Um voranzukommen, gilt es in jedem einzelnen Rennen mindestens Platz 3 zu belegen. Wie schon in Teil 5 kann die Herausfoderung dank fein einstellbarer Fahrhilfen und Drivatare (nun inkl. deren Aggression) auf das eigene Können abgestimmt werden. Hinzukommt, dass man die Anzahl der Runden pro Rennen zwar immer noch nicht selbst bestimmen kann, aber die jetzt durchweg etwa um 50 % längeren Rennen passen wesentlich besser zur realistischen Spielmechanik.

So wie schon in Teil 2, 3 und 4 kann das Setup wieder - so wie es sich gehört - direkt vor dem Rennen bearbeitet werden und ganz neu während einer Testfahrt sogar fließend im Pausenmenü. Eigentlich war das Fahrmodell ja bereits als die Simulationsstufe in 2011 dazukam anbetungswürdig, aber "Forza 6" schafft es tatsächlich noch mehr als bisher jedes Auto zwischen Golf und IndyCar glaubwürdig umzusetzen und darüber hinaus auch in relativ langsamen Autos mit gerade einmal 200 km/h Spitze echte Herausforderungen zu bieten, weil diese Wagen mit ihrem relativ hohen Schwerpunkten es nun gar nicht mehr mögen, wenn man sie von einer Seite plötzlich auf die andere wirft.



Ich will doch nur spielen!

Um nicht mehr ganz so trocken wie in der Vergangenheit zu wirken, hat Turn 10 voll im Trend liegend ein kleines Kartenspiel (Mods) ins Spiel integriert. Vor jedem Rennen können drei Karten - jeweils eine aus jeder Kategorie - aktiviert werden. Die blauen Teamkarten verbessern das Auto ähnlich wie Tuning, die lila Risikokarten belohnen etwa abgeschaltete Fahrhilfen oder Starten am Ende des Feldes (siehe Screenshot) mit zusätzlichen Credits und die einmaligen grünen Boostkarten ermöglichen zahlreiche Modifikationen wie bessere Startposition oder Belohnungen für Windschattenfahren, perfekte Kurven oder einfach Zuschläge auf Erfahrungspunkte oder Credits. Kartenpacks können jederzeit für Credits erworben werden und sind auch ab und an die Belohnung für eine neue Fahrerstufe.

Eine andere, von mir gehasste "Auflockerung" wie dieses alberne Kegeln oder das Fahren durch Hütchentore hat nun eine eigene optionale Kategorie erhalten, die sich Schaurennen nennt. Wer will kann früh aber muss eben nicht die Kernkarriere verlassen und außer der Reihe neben einigen Spaßrennen schon einmal richtig brutale Rennwagen fahren. Später finden sich in dieser Kategorie auch die in den letzten Serienteilen etwas vermissten stundenlangen Ausdauerrennen wieder, in denen man sich wunderbare Krämpfe holen oder einfach wegschnarchen kann, hahaha.



A new level!

Irgendwann kommt dann das erste Nachtrennen und das ist gut gemacht aber nichts, was ich nicht schon in "GTR 2" (2006) gesehen hätte und da klangen die Autos außerdem noch einen Tuck besser. Anders sieht es mit den göttlichen Regenrennen aus, die sich so stark von den normalen Rennen unterscheiden, dass man sie eigentlich als zweiten, komplett eigenständigen Spielmodus betrachten muss. Es gibt einige Spiele wie zuletzt etwa "Project CARS" (2015), in denen sich die Wetterbedingungen sogar während des Rennens stark ändern können, aber kein anderes Spiel kommt annähernd an das Gefühl heran, tatsächlich auf einer Strecke kurz vor Rennabbruch unterwegs zu sein.

Dass die Sicht bescheiden ist usw. usf., das haben auch schon andere Spiele glaubwürdig hinbekommen, aber das Aquaplaning in "Forza 6", das ist einmalig gut. Durch die tiefen Pfützen ist die Rennstrecke an einigen Stellen nur noch wenige Meter breit und somit gilt es eine völlig andere "Ideallinie" zu finden, was zugegeben einige Runden dauern kann. Gewinnen tut nicht mehr, wer am schnellsten fahren kann, sondern wer über die gesamte Renndistanz die wenigsten Fehler macht, also nicht abseits der Strecke auf dem nassen Gras viel Zeit verliert. Wer den richtigen Kick will, muss die Rückspulfunktion deaktivieren.



Apropos Sound

Da ich gerade schon den Klang der Motoren nebenbei erwähnte, muss ich unbedingt festhalten, dass "Forza 6" leider nicht wieder den fortschrittlichen Soundmixer aus "Forza 4" bekam, ja nicht mal den relativ guten aus "Forza Horizon 2" (2014) geerbt hat, sondern wieder nur mit den Optionen (also eigentlich gar keinen Optionen) aus "Forza 5" an die Strecke kommt, was ich nicht so wirklich nachvollziehen kann. Was Turn 10 vorgibt, ist zwar ein guter Kompromiss, aber meinen eigenen Motor würde ich in vielen Fahrzeugen gerne noch etwas mehr hören und alles vor dem Rennen ist mir im Vergleich zum Rennen selbst etwas zu laut.

Im Gegenzug muss ich "Forza 6" auf der Habenseite die mit einigem Abstand beste Menümusik [ youtube.com/watch?v=CqzG_0hPq9E ] bescheinigen, die ich jemals in einem Spiel dieser Art gehört habe. Ich habe teilweise ein paar Minuten nur dagesessen und gelauscht. Ich glaube besser geht es kaum. Direkt vor dem Rennen hat die Mucke ordentlich Drive, ansonsten passt sie besonders gut zu dem Regenwetter. Irgendwie assoziiere ich Vergänglichkeit mit vielen Stücken, also ich könnte mir auch hervorragend vorstellen, dass man die Särge meiner verunglückten Computergegner zu der Musik abtransportiert...



Was wurde aus den 2013er Patzern?

Jetzt geht's richtig um die Wurst und ich kann Entwarnung auf fast der ganzen Linie geben: Wie im Screenshot oben ersichtlich, erfolgt jetzt nur noch auf Wunsch eine automatische Aufwertung oder man kann ebenso gut gleich voll ins Tuning einsteigen. Aber selbst wenn man sich für die automatische Aufwertung entscheidet, ist nun ein gut voreingestelltes Differential gleich mit dabei, wenn es sinnvoll ist. In die gleiche Richtung geht, dass die Trigger des Xbox One Gamepads nun über eine spürbar größere Distanz abgefragt werden. Das letzte Viertel ist zwar beim Gas immer noch tot, weil der Gasdruck anders als der Bremsdruck im Setup nicht vorkommt, aber die Steuerung hat noch einmal deutlich zugelegt.

Selbst bei der Grafik hatte ich an sehr vielen Stellen das Gefühl, dass Turn 10 nicht nur die Engine selbst sondern auch die einzelnen Kuse optimiert hat, wo es nur ging, und dass "Forza 6" noch eine ganze Ecke butterweicher daherkommt als schon "Forza 5". Was mich nicht wirklich überrascht: Kantenglättung gibt es trotzdem nicht. Ich fürchte, die Grenzen des technisch Machbaren in 1080p bei 60 fps sind durch dieses Spiel auf der Xbox One bereits ausgelotet. Es wäre schön, wenn zumindest im Einzelspielermodus der Spieler die freie Wahl hätte alternativ mit lediglich 30 fps aber dafür ohne Flimmerattacke zu spielen.



Fazit:
Wer über "Forza 6" meckern will, muss schon auf sehr hohen Niveau meckern. Die Präsentation ist perfekt, aber aalglatt und abgesehen von der Musik praktisch emotionsfrei, aber da sich auch nach zehn Jahren niemand mehr so richtig an einen Storymodus, wie ihn die ersten beiden "Race Driver" hatten, herantraut, ist es mir am Ende so lieber als wenn ich den Brechreiz aus "GRID 2" (2013), das Unvermögen aus "Project CARS" oder den Firlefanz der "Need for Speed"-Reihe vorgesetzt bekäme.

Die Streckenauswahl ist eigentlich großartig und einige Layouts bin ich vorher nie gefahren, trotzdem vermisse ich immer noch so einige Klassiker aus "Forza 4" wie etwa Mugello Autodromo Internazionale oder die eigenwillige Fantasiestrecke Sedona Raceway Park. Insbesondere alle japanischen Strecken (Fujimi Kaido, Suzuka Circuit, Tsukuba Circuit und Twin Ring Motegi) glänzen mit Abwesenheit, aber in Japan kauft halt niemand eine Xbox One, in Brasilien, Tschechien und der Schweiz schon eher. Ich kann mir aber nur zu gut vorstellen, dass so einige der jetzt vermissten Strecken 2017 in "Forza 7" wieder auftauchen, denn wohin soll die Reise sonst gehen.



Neben den absolut unglaublichen Regenrennen fasziniert mich an "Forza 6", dass es das erste Rennspiel mit einer solchen Autopalette ist, im dem ich tatsächlich jede Klasse gerne fahre. Normalerweise ist es idiotensicher, dass ich irgendwann in Hypercars und dergleichen verende, die sich wie Luftkissenboote fahren, wenn mir die langsamen Autos zunächst gut gefallen haben. Aber hier machen selbst Rennen in Nicky Laudas Unfallwagen (was für ein Höllenauto) oder in den IndyCars mehr Laune als alles, was "F1 2013 - Complete Edition" (2014) so auf der Pfanne hatte.

Wenn man das erste Mal alle 15 Serien der Kernkariere durch hat, fehlt dem Spiel so ein Bisschen die Benutzerführung - und ja - ein Handbuch dürften Einsteiger derbe vermissen und auch sonst so ein Bisschen Drumherum und Tamtam in der Verpackung hätten diesem Topprodukt sicherlich gut gestanden. Aber am Ende sind das Peanuts. Es gibt derzeit nichts Vergleichbares am Markt und erst recht nicht auf der PS4. Well done, Turn 10, und Hut ab, Microsoft. Jetzt noch ein "Halo" in ähnlicher Qualität und Ihr seid wieder besser im Rennen.


Steuerung (15%):
Grafik (15%):
Balance (15%):
Handlung (15%):
Sound (10%):
Zugänglichkeit (10%):
Komplexität (10%):
Spieldauer (10%):