ORI
and the Will
of the Wisps

Moon Studios

(11.03.2020)

auch veröffentlicht für
Windows PCs


"Ori and the Blind Forest" (2015) von den Moon Studios ist eines der kleineren Spiele der letzten Dekade, von denen trotzdem fast jeder irgendwie schon mal gehört hat, obwohl es nicht auf der PlayStation 4 veröffentlicht wurde. Was vielleicht daran liegt, dass es nicht nur ein absoluter Kritikerliebling ist und sogar 2019 noch nachträglich auf der Nintendo Switch veröffentlicht wurde, sondern auch ohne HDR so ziemlich das einzige Jump 'n' Run - in Form eines Metroidvania - war, dass "Rayman Legends" (2013) optisch übertraf.

Nun ist es in Gestalt von Teil 2 mit dem noch längeren und leicht zungenbrecherischen Titel "Ori and the Will of the Wisps" wieder aufgetaucht und das Cover ziert diesmal die komplette Palette mit "4K Ultra HD", "HDR" und "Optimiert für Xbox One X". Und da die Moon Studios anscheinend noch etwas mehr mit den Xbox Game Studios verbandelt sind und "Will of the Wisps" vom Start weg Teil des Game Passes ist, gehen sowohl die PS4 als auch die Switch leer aus. Dafür gibt es eine wie üblich eher säuische Alibiversion für Windows, die bereits für 1.080p einen Core i5-6500 und eine Geforce GTX 970 benötigt.

Optimiert ist was anderes

Ich kann viel Gutes über "Will of the Wisps" sagen, aber technisch hatte selbst die Konsolenversion mit ein paar ungewöhnlichen Problemen zu kämpfen. Am schrägsten: "Will of the Wisps" mochte die ersten Wochen keine externen Laufwerke, sondern hard crashte beim ersten Ladevorgang meine Xbox One X, die sich mit Xbox Sound verabschiedet und sich anschließend per Controller nicht mehr einschalten ließ. Lt. Website der Moon Studios wurde der Bug bereits am 13. März behoben, tatsächlich musste ich bis Anfang April auf meine liebgewonnene externe SSD verzichten, so dass besonders das Teleportieren innerhalb des Spiels gerade in 4K ganz schön lange gedauert hat, weil die interne Festplatte sich an der erhöhten Datenmenge schlichtweg einen Bruch hebt.

Überhaupt schien der Patch vom 13. März lange Zeit für die X zumindest nicht automatisch zu funktionieren, denn ich konnte den Download von der X nicht auf die S übernehmen, sondern musste am 4. April das Spiel in der längst gepatchten Version für die S erneut herunterladen. Während "Will of the Wisps" in 1.080p anscheinend schon längere Zeit keine ernsthaften Probleme mehr hat, gibt es in 4K neben vereinzelt auftretenden Problemen mit dem Sound und ganz seltenen Abstürzen mitten im Spiel insbesondere im westlich gelegenen Abschnitt Lumaseen mit besonders viel Wasser für mehrere Minuten ein intensives Fest der Zeitlupe zu bewundern.

Zwei beste Entscheidungen

In "Blind Forest" konnte ich durch längeren Druck auf (B) praktisch überall speichern, sofern ich bzw. Ori nicht direkt neben einem Gegner stand. Habe ich aber im Eifer des Gefechts nur gern immer wieder vergessen oder bin nach einer richtig schweren Sprungpassage genau an dem eigentlich einfachen Gegner verreckt, den ich zum Speichern noch entfernen musste. Fand ich richtig zum Haare ausraufen bescheiden und ist immer wieder der Moment gewesen, an dem das Spiel ausgeschaltet habe! "Will of the Wisps" hingegen speichert häufig und ganz von allein und erspart mir den ganzen Frust, den das alte System mit sich brachte.

Außerdem war das Kampfsystem - wenn man das überhaupt so nennen konnte - zuvor sehr indirekt. Aus einem kleinen Licht über meinem Kopf konnte ich lediglich Blitze mit geringer Reichweite auf den nächsten Gegner schießen, während die Blitze häufig auch noch den Schuss des Gegners verdeckten. Jetzt habe so etwas wie ein Schwert genannt Geisterklinge, mit der ich schnell auf Gegner einschlagen kann, und später im Spiel sogar eine Waffe wie einen mit zwei Händen geschwungenen Vorschlaghammer. Außerdem bin ich mit einem Bogen für größere Entfernungen oder auch bevorzugt gegen fliegende Gegner ausgestattet. Und dieser direkte Kampf fühlt sich eben viel, viel besser an, weil ich nun den ganzen Fieslingen richtig Saures geben kann.

Das sind gar keine Asiaten?

Obwohl bereits beim Stil der Grafik absolut nichts an ein europäischen Studio erinnert, ist es neben der einfachen aber emotionalen Geschichte vermutlich das dunkle, völlig unverständliche Gemurmel aus dem Off, welches einen endgültig fehlleitet. Aus welchen Land sind die Moon Studios? Japan? Südkorea? Nein, auch wenn die Mitarbeiter letztlich überall auf der Welt verteilt sitzen, der Hauptsitz der GmbH ist Wien in Österreich. Wie zu besten Bullfrog Zeiten (so etwa 1993 bis 1997) gibt es anstatt viel Text eine Fantasiesprache zu hören - fällt insbesondere durch manchmal deutlich zu wenig Silben auf - die für die verschiedenen Landesversionen lediglich untertitelt werden musste. Das spart nicht nur enorme Kosten, sondern alle Käufer erhalten sozusagen die Originalversion.

Gerade mit Wienern bringe ich eher Selbstmord aufgrund tief grauer Depressionen in Verbindung, aber "Will of the Wisps" ist ein dreimal auf den Schädel geschlagener optischer wie akustischer Holzhammer der Farbe, der Details und des Lebens. Ja, zu Anfang manchmal noch nicht so des Lebens, denn schließlich soll ich als Ori ja den Wald mit Namen Nibel von der obersten Krone bis zur tiefsten Wurzel erst einmal heilen und dabei möglichst auch noch meine wahre Bestimmung entdecken. Doch wie es gelungen ist, gleichzeitig so düstere wie farbenfrohe Umgebungen zu erschaffen, ist mir einfach ein Rätsel, aber ich müsste mich jetzt schon sehr irren, wenn die vielleicht beste Grafik dieser Generation nicht zahlreiche Nachahmer finden wird.

Mechaniken vom Feinsten

Aber "Will of the Wisps" sieht eben nicht nur fantastisch aus, es hat vor allen Dingen auch eine ganze Menge mehr unter der Haube als vergleichbare Spiele. Klar, die ganzen Klassiker wie Wandsprung, Doppelsprung, Festhalten an Bewuchs und Lianen, tauchen unter Wasser, sich drehenden Konstruktionen und panikartige Fluchtversuche durch einstürzende Bereiche sind auch dabei. An diesen Stellen lässt sich der Einfluss der ebenfalls sehr zu empfehlenden Jump 'n' Run Vorbilder "Donkey Kong Country Returns" (2010) und des Nachfolgers "Donkey Kong Country: Tropical Freeze" (2014) kaum leugnen.

Aber es gibt immer noch eine Ausbaustufe mehr wie das Kleben an Steinwänden, den Dreifachsprung, das Reflektieren gegnerischer Geschosse und das Abstoßen oder Anziehen von Gegnern oder deren Geschossen. So einige Fähigkeiten, die ich durch den Einsatz sog. Splitter erhalte, sind optional und einige auch nur verfügbar, wenn ich entweder die dazugehörige Nebenquest abschließe oder mich nach versteckten Splittern in der relativ frei begehbaren Welt umsehe. Was im Normalfall dazu führt, dass ich schnell nicht mehr alle aktiven wie passiven Fähigkeiten gleichzeitig nutzen kann und daher nach den eigenen Vorlieben meinen Ori konfigurieren sollte.

Noch mehr Metroidvania

Überhaupt fällt gegenüber "Blind Forest" auf, dass "Will of the Wisps" wesentlich weniger linear verläuft und es sich lohnt bereits bereiste Gebiete mit neuen Fähigkeiten erneut aufzusuchen, um in bisher unzugänglichen Bereichen die Lebenspunkte und die Energiereserve für Spezialfähigkeiten zu erhöhen. Im rund 15 Stunden langen, etwas mehr als die Hälfte des Spiels einnehmenden Mittelteil, kann ich mir z. B. aussuchen, in welcher Reihenfolge ich die vier mit der Geschichte der Hauptquest verknüpften Aufgaben erledigen möchte. Ebenso habe ich freie Hand, welche der insgesamt zwölf aktiven und 31 passiven Fähigkeiten ich weiter verbessere - z. B. könnten sich meine Pfeile in drei Pfeile teilen oder - wenn dies zu meinem Spielstil passt - teile ich mehr Schaden aus, kassiere aber auch entsprechend mehr.

Wie es sich für ein Spiel im Stil eines Metroidvania gehört, fliehe ich nicht nur immer wieder mal im halsbrecherischem Tempo vor Bossmonstern, die mich um ein vielfaches überragen, sondern ich habe manchmal gar keine andere Wahl, als mich ihnen und ihrer beeindruckend langen Lebensleiste zu stellen. Dann ist der Moment gekommen, Ori mit genau den passenden Fähigkeiten auszustatten, was bei einem Menschen wie mir mit zwei linken Händen und den Reaktionen eines Lurch mit Erfrierungen gegen Bossmonster eigentlich immer bedeutet, dass meine Figur göttliche Nehmerqualitäten braucht, um irgendwann als Sieger aus der Auseinandersetzung hervorzugehen.

Fazit:

Technische Problemchen hin oder her: "Ori and the Will of the Wisps" ist eines der schönsten Spiele aller Zeiten - ohne dabei großartig an Lesbarkeit des Levelaufbaus einzubüßen - mit nicht weniger schöner musikalischer Untermalung, nahezu perfekter Spielmechanik und einer Spielwelt, in der ich mich ohne Reue so richtig als der Held fühlen darf. Auch wenn ich für so einige Sprungpassagen und zwei der Bosskämpfe sicherlich je über 20 Anläufe gebraucht habe, kam selten Frust auf, denn mir war immer sonnenklar, das Problem hält das Gamepad in den Händen, die irgendwie nicht schnell genug das taten, was mein Gehirn von ihnen wollte.

Wer sich bisher nicht so mit klassischen Plattformern - also 2D Jump 'n' Runs - anfreunden konnte, muss unbedingt seine Zurückhaltung - zur Not mit Hilfe seiner oder geliehener Kinder - überwinden und dieses Meisterwerk ausprobieren. Die Gelegenheit hierzu ist im doppelten Sinne günstig: Jeder (mit der entsprechenden Hardware) kann derzeit im Rahmen des per PayPal bezahlten Xbox Game Pass Ultimate Probemonats für nur einen einzigen Euro "Will of the Wisps" durchspielen. Naja, und die anderen über 300 Spiele sind jetzt gerade, da wir nicht so oft vor die Tür sollen, ja auch ganz nützlich.



  POSITIV:
  - unglaubliche Grafik
  - traumhafte Musik
  - spitzen Spielmechanik
  - für Kinder und Erwachsene


  NEGATIV:
  - technische Problemchen